Aarburger Gemeinderat zu Ehe für alle: "Wir leben bünzlig wie ein altes Ehepaar"

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Werner Steiger (l.) und Fredy Nater bewohnen einen Teil eines Doppeleinfamilienhauses in Aarburg und stehen zu ihrer Beziehung. Die beiden kennen sich seit 20 Jahren. Bild: jam

Aus ihrer Beziehung machen Fredy Nater und Werner Steiger kein Geheimnis. Der Aarburger FDP-Gemeinderat und der Präsident der Aarburger FDP wohnen gemeinsam in einem Teil eines Doppeleinfamilienhauses. Was heute so normal aussieht, war für beide nicht immer einfach.

Fredy Nater und Werner Steiger, wie werden Sie am 26. September zur Vorlage «Ehe für alle» stimmen?

Werner Steiger: Ganz klar Ja.

Fredy Nater: Ich werde auch Ja stimmen. Allerdings bin ich auch nicht mit allem einverstanden, was die Vorlage mit sich bringt.

Was sind die Gründe dafür, warum Sie Ja sagen?

Steiger: Mir ist wichtig, dass Homosexuelle aus ihrem Sonderstatus rauskommen. Wir beispielsweise haben uns gegen eine eingetragene Partnerschaft entschieden. Denn auf offiziellen Papieren würde so unsere sexuelle Orientierung sofort ersichtlich.

Nater: Mir geht es hauptsächlich auch um das Label «verheiratet». In gewissen Ländern wäre das hilfreich.

Fredy Nater, Sie haben es vorhin angesprochen: Sie sind nicht mit allem in der Vorlage einverstanden. Können Sie das genauer erläutern?

Nater: Als eher kritisch schaue ich die Samenspenden-Geschichte für lesbische Paare an. Das gehört nun halt aber dazu. Grundsätzlich finde ich aber schon: Hauptsache die Kinder werden in ihrer Entwicklung unterstützt und sind behütet. Das können homosexuelle Paare genauso gut wie heterosexuelle.

Steiger: Ich finde es richtig, dass das in der Vorlage drin ist. Ansonsten wäre es eine Gleichstellung light. Die Samenspende an sich kann man schon hinterfragen, dann aber allgemein. Das wäre aber eine komplett andere Diskussion.

Wie beurteilen Sie die Kampagne der Gegner der Initiative?

Nater: Gewisse Leserbriefe im ZT zeigen: Wenn Leute die Bibel zur Hand nehmen, dann passt die Vorlage tatsächlich nicht in ihr Weltbild. Aber für religiöse Kreise gilt ja sowieso, dass eine Familie nur eine Familie ist, wenn auch Kinder da sind. Und dass die Ehe nur für Frau und Mann da ist, die Kinder haben wollen. Für mich hat die «Ehe für alle» aber vor allem auch mit der Modernisierung unserer Demokratie zu tun. Diese soll sich wandeln.

Steiger: Die Geschichte zeigt, dass es dauert, bis sich Werte und Haltungen in einer Gesellschaft anpassen. Homosexuelle waren nicht immer verpönt. Die Ablehnung dieser Menschen kam erst im letzten Jahrhundert wieder so richtig auf. Seien wir ehrlich: Vor 20 Jahren wäre diese Initiative wohl abgelehnt worden. Jetzt hingegen sieht es gut aus. Das Thema Kinder war in meiner Coming-Out-Phase aber tatsächlich auch präsent.

Erklären Sie.

Steiger: Als ich gemerkt habe, dass ich homosexuell bin, wurde mir bewusst, dass ich wohl auf eigene Kinder verzichten muss. Das hat mich beschäftigt. Mir jetzt aber auf andere Wege ein Kind zu besorgen, wäre ein egoistischer Akt. Aber ich mache mir Gedanken wie es im Alter sein wird, wenn man keine direkten Nachkommen hat.

Nater: Da muss jeder an sich selbst und an seinem Beziehungsumfeld arbeiten. Es ist wichtig, dass man im Alter Beziehungen pflegt, Freunde und Freundinnen gewinnt. Aber klar: In meinem Berufsalltag sehe ich auch, dass die Einsamkeit im Alter ein grosses Thema ist. Allerdings auch bei Menschen, die Familie haben.

Sie haben Ihre Coming-Out-Phase angesprochen. Wie ist das bei Ihnen vonstattengegangen?

Nater: Bei mir war das ein längerer Prozess. Gemerkt habe ich es mit 15 oder 16 Jahren, dabei fand ich Frauen durchaus schön, aber sexuell halt nicht anziehend. Mein Vater hat mich dann auf die Homosexualität angesprochen, wir haben darüber geredet. Zur damaligen Zeit war das schon noch sehr speziell. Mein Vater hatte zwar nichts dagegen, hatte aber Angst, dass ich einsam werde. Ich spürte, dass er sehr unsicher war. Jetzt hat er es aber gut akzeptiert. Für mich kam zudem nie in Frage, mich mit einer Frau einzulassen, um Kinder zu haben. Ich hätte sie, mich und dann auch noch die Kinder unglücklich gemacht.

Steiger: In meinem Elternhaus war es wichtig, normal zu sein. Homosexualität war nicht positiv konnotiert. In der Pubertätsphase wurde mir bewusst, dass ich schwul bin. Mir wurde klar, dass ich nicht einem sogenannt normalen Lebenskonzept folgen kann. In gewissen Heftli stand damals aber auch, dass das nur eine Phase ist, die vorbeigeht. Nun, die ist nicht vorbeigegangen. Meine sexuelle Orientierung habe ich lange geheim gehalten. Dabei fühlte ich mich aber wie ein Betrüger. Ich war nicht ehrlich zu meinem Umfeld. Aber irgendwie wollte ich meine Eltern auch schützen, weil für sie Normalität so wichtig war. Dann aber erzählte ich es ihnen.

Wie haben sie reagiert?

Steiger: Man darf nicht vergessen, dass auch die Angehörigen einer homosexuellen Person eine Art Coming-Out durchmachen. Ich habe gemerkt, dass meine Mutter unsere weiteren Angehörigen informiert und mit ihnen darüber gesprochen hat. So ist sie damit umgegangen. Ein Coming-Out ist aber immer mehrphasig. Entscheidend ist das Gespräch mit der Familie. Aber an meinem Arbeitsplatz habe ich immer versucht, dem Thema Beziehungen aus dem Weg zu gehen. Inzwischen stehe ich dazu, dass ich einen Partner habe. Dieses Interview ist im Übrigen auch eine weitere Coming-Out-Phase. Wir haben uns noch nie öffentlich über unsere Beziehung geäussert.

 

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Das Paar geht gerne in die Ferien und besucht Anlässe. Bild: zvg

 

Sie sind beide aktiv in der FDP Aarburg. Haben Sie sich gegenüber der Partei von Anfang an als Paar gegeben?

Steiger: Da ich der Ortspartei früher beigetreten bin und gleich als Kassier eingesetzt wurde, war es zuerst kein Thema. Wir haben es aber auch nicht offensiv kommuniziert. Diejenigen, die ein Sensorium dafür haben, dürften es wohl gemerkt haben. Ich glaube aber auch, dass es die Leute wohl nie öffentlich ansprechen würden.

Nater: Ich war überrascht, dass es nie offen ein Thema war bei uns in der Partei. Allerdings habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit einigen Mitgliedern weniger ins Gespräch gekommen bin als mit anderen. Ob es mit meiner Homosexualität zusammenhängt, weiss ich aber nicht. Als ich dann für den Gemeinderat kandidierte, kam während des Wahlkampfs schon die eine oder andere abfällige Bemerkung. Immerhin hat jetzt die Parteibasis der FDP entschieden, dass sie Ja sagt zur Vorlage «Ehe für alle».

Steiger: Es kommt auch sehr darauf an, wie man selbst zu sich steht. Je selbstbewusster man ist, desto weniger kann Kritik einem etwas anhaben. Dazu kommt auch, dass Fredy und ich nicht die Klischees von Homosexuellen erfüllen. Wir rennen nicht mit Federboas herum.

Nater: Das stimmt schon, die Anlässe der LGBTQ-Community gleichen häufig einem Karneval. Das passt nicht zu uns. Die Leute sollen wissen, dass es auch andere Homosexuelle gibt.

Steiger: Wir beide leben ja auch total bünzlig wie ein altes Ehepaar, laden Leute zu uns nach Hause ein, gehen mal an Veranstaltungen und gemeinsam in die Ferien. Völlig unspektakulär. Dennoch glaube ich, dass es das Engagement dieser Community brauchte, damit Homosexualität in der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekommt und akzeptierter ist.

Das klingt bis jetzt alles sehr einfach und unkompliziert. Wurden Sie aufgrund Ihrer sexuellen Orientierung nie angefeindet?

Nater: Doch, ich hatte zwei Erlebnisse, die mir geblieben sind. Einmal wurde ich bei einem Arbeitgeber «verrätschet» von einer externen Person. Der Personalchef reagierte aber super und sagte, dass das überhaupt kein Problem sei. Das zweite Erlebnis war dann prägender. Ich geriet in Zürich, wo ich damals wohnte, in eine Schlägerei. Jugendliche haben mich verprügelt und mit einem Messer gestochen. Zum Glück hatte ich das Portemonnaie in der Brusttasche. Die Polizei konnte die Jugendlichen – die übrigens aus gutem Hause stammten – ausfindig machen. Es kam zu einem Strafverfahren.

Wie haben Sie dieses Ereignis verkraftet?

Nater: Am selben Abend ging es mir – so hatte ich das Gefühl – relativ gut. Die Woche darauf fühlte ich mich halbtot. Es war eine sehr belastende Situation. Ich habe den Angriff aber relativ schnell und gut verarbeiten können.

Wie kommt die Kampagne der Gegner von «Ehe für alle» an?

Nater: Grundsätzlich gilt in der Schweiz die Meinungsfreiheit. Die Meinung sollte aber anständig und fair geäussert werden. Die Plakatkampagne mit dem Toten ist nicht nur diskriminierend, sondern völlig despektierlich. Aber wir müssen damit leben.

Steiger: Ich fühle mich nicht angegriffen durch die Kampagne. Fakt ist aber: Indem man ein Gesetz ablehnt, kann man rechtlich nicht etwas zum Verschwinden bringen, das nun mal da ist. Homosexualität verschwindet dadurch nicht.

Wie schauen Sie in die Zukunft? Könnten Sie sich vorstellen, zu heiraten, wenn die Vorlage angenommen wird?

Nater: Wir haben das schon andiskutiert. Wir kennen uns nun bereits 20 Jahre. Und vom Erbrecht her hätte eine Heirat schon Vorteile. Wir haben zwischen uns Verträge abgeschlossen und als wir das Haus gekauft haben, mussten wir auch alles genau regeln. Diese Verträge müssen wir aktuell immer wieder kontrollieren und gegebenenfalls anpassen.

Steiger: Bei einer Ehe wäre das alles automatisch geregelt. Es hätte also vor allem praktische Gründe. Wenn ich in die Zukunft schaue, habe ich grossen Respekt davor, dass die Meinung in der Gesellschaft wieder kippen könnte. In 20 Jahren kann sich schnell wieder etwas ändern. Die Entwicklung geht zum Glück aber hin zu einer liberalen Gesellschaft.

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