Dimitri war ein träumender Realist – jetzt feiert sein Lebenswerk ein Jubiläum

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Vater und Tochter gemeinsam auf der Bühne: Masha und Dimitri. Bild: Carlo Reguzzi/Ti-Press

Fünf Jahre ist Dimitri nun tot. Das heisst, er ist es natürlich nicht! Wie könnte ein Mensch mit seiner kreativen Schaffenskraft und Poesie je sterben. Der Geist Dimitris hat sich vervielfacht und lebt in all jenen weiter, die die ­Urzelle seiner Kunst im Tessiner Dorf Verscio kennen, schätzen und dort vielleicht sogar ihre Ausbildung genossen haben: Das Teatro Dimitri, das kleine Kulturzentrum, bestehend aus dem Museo Comico – von seinem Freund Harald Szeeman eingerichtet – einer Schule und einem Theater. A proposito, im Restaurant innerhalb des wundervoll wilden Kunst-Geländes speist man ausgezeichnet.

Weltruhm bis an den New Yorker Broadway

Es war eine Parforceleistung, vor 50 Jahren, 1971 als alles begann: Als im Centovalli noch nicht die Deutschschweizer hausten, gründeten Gunda und Dimitri, das Künstlerpaar zwischen jähen Bergen ihr Refugium. Er selbst war in Ascona aufgewachsen, das schläfrig Verscio schien ihm ideal, um sich nach Tourneen in allen Weltgegenden neu zu sammeln.

Die Accademia ist inzwischen eine von vier anerkannten Theaterhochschulen der Schweiz. Auch die Compagnia Teatro Dimitri, die sieben Jahre später gegründet wurde, und für die Dimitri persönlich die Stücke entwickelte, ist inzwischen bekannt wie ein bunter Hund – selbst am Broadway in New York. Ehemalige Mitglieder wie Anet Corti gehen auf den Grundlagen dieser Ausbildung ihren eigenen Weg weiter und bereichern die Szene mit markanten Stimmen und Persönlichkeiten.

Das geistige Erbe Dimitris besteht in der Überzeugung, dass Theater nicht nur Sprache, sondern mindestens so sehr Tanz und circensische Elemente haben muss, um wahr zu sein und Menschen zu erreichen. In den Siebziger Jahren stand Dimitri damit in der Landschaft der Hochkultur, der institutionalisieren Theater, weitgehend allein. Der Begriff «Interdisziplinarität» war noch nicht erfunden. Dimitri fand ihn, ohne ihn je gesucht zu haben, er lebte ihn mit seinem Theater.

Dass Theater nicht nur schönes Sprechen ist, dass der Körper als In­strument ebenso wirkungsmächtig ist, hat man inzwischen selbst im Stadttheater kapiert. Dimitri war schneller: Er hatte sich auf die Quelle, die Anfänge des Theaters und die Commedia dell’arte zurückbesonnen.

Er sprach mit den Bäumen und Blumen

Wer das Glück hatte, ihn persönlich zu kennen, traf auf einen Poeten. Er lebte in seinem Universum, das sich weit bis in die Kastanienwälder des Tales ausdehnte. Der Wald war sein Labor, der wuchernde Garten seine Inspiration, und seine Blumen pflegte er ähnlich ­liebevoll wie im Unterricht seine Schüler. Er war ein Gaukler, ein Narr und ein Komiker.

Vor allem aber war er jemand, der den Traum von einem anderen Leben träumte. «Träume eines anderen Lebens» war denn auch der Titel des Freilichttheaterstücks, in welchem ­Dimitri zwei Tage vor seinem Tod zum letzten Mal auftrat. Zum Anlass des Teatro-Jubiläums feiern diesen Freitag in Verscio seine Freunde und die Mitglieder der Familie ein ausgedehntes Fest – und ein halbes Jahrhundert ­Dimitri.

Franz Hohler erinnert sich: Er war ein Fenster ins Tessin

Dimitri habe ich zum ersten Mal im Stadttheater Olten gesehen, als ich noch zur Schule ging. Er öffnete mir den Zugang zu einer neuen Sprache, nämlich der Sprache des Körpers, deren vielfältige Möglichkeiten mich verblüfften. Seither haben mich seine Kunst, seine Komik, seine Musi-kalität, seine Menschlichkeit und sein Lachen bis zu seinem Tod begleitet.

Er gehörte zu den Künstlern, die mein erstes Bühnenprogramm «pizzicato» gesehen haben, und aus dieser Begegnung entstand eine lebenslange Freundschaft. Als er vor 50 Jahren sein Theater in Verscio eröffnete, fragte er mich, ob ich bei ihm auftreten würde, was ich gerne tat, und seither bin ich immer wieder dort zu Gast gewesen. Ich hatte später nur wenige Auftritte oder Lesungen in unserem südlichen Kanton, und das Teatro Dimitri ist für mich und auch für viele andere Künstler zu einem Fenster in das Tessin geworden.

Seinen Brief mit unserer Abmachung vom Mai 1971 habe ich immer noch. Wenn ich ihn mit den Verträgen vergleiche, die man sonst gelegentlich zugeschickt bekommt, ist er von einer entwaffnenden Einfachheit. Und die Unterschrift des Veranstalters: Dimitri. Fertig. Mit einem Sternchen als Punkt auf dem ersten i. Ich hoffe, es leuchte am Jubiläumstag besonders hell auf das Theater hinunter.

Emil stellt die Frage: Lieber Dimitri, wo bist Du?

Es wäre so schön, wenn man orten könnte, wo Du weiterlebst, nachdem Du die Welt verlassen hast. Natürlich gibt es kein geografisches Orten, man kann nur Deine gegenwärtige Position in den Köpfen der Menschen festlegen. Vielleicht verfolgst Du jetzt, welche meiner Finger die Computertasten bewegen, um zu schreiben, dass es sehr ruhig geworden ist auf den Bühnen. Bühnen, die gerne feinen Humor, Komik, Ausstrahlung, akrobatisches und musikalisches Können und Ideenreichtum gezeigt haben. Denn, daran erinnerst Du Dich sicher, wie Du Menschen in allen Erdteilen zum Staunen, Schmunzeln und Lachen gebracht hast.

Es waren wohltuende Stunden, die man im Theater verbringen konnte. Dann Dein mit Gunda gegründetes Bijou in Verscio, das so eindeutig Eure Handschrift trägt, jeder Zentimeter im Haus, jeder Stein war von Eurer menschlichen Wärme gefüllt. Wenn ich da als Emil auftreten konnte, fühlte ich mich in diesem Tessiner Winkel einfach paradiesisch. Dein Verlassen der Erde hat man fast nicht erfassen können. Es war so unverhofft. Körperlich musstest du nicht leiden. Hingegen waren für Dich damals viele neue Programmgedanken schmerzhaft.

Jetzt hat sich zu Deiner Beruhigung alles wieder eingefädelt. Teatro Dimitri strahlt wieder, ist aktiv, ganz in Deinem Sinn. Ein grosser Dank den vielen Helferinnen und Helfer der neuen Leitung unter Deinem Sohn David. Einzig das totale Verschwinden von Deinem Humor, Deiner Komik, Deiner Artistik auf unseren Bühnen, bereitet vielleicht auch Dir Kopfzerbrechen. Aber, die von Dir gegründete Schule hat sicher die Not erkannt und arbeitet heftig in die richtige Richtung. Ich und meine Frau Niccel grüssen Dich aus grosser Distanz ganz herzlich.

Anet Cort hat von ihm gelernt: Spiele virtuos mit den eigenen Schwächen

Während der Schule in Verscio und in der Compa­gnia arbeitete ich mit Dimitri. Wir haben viel gelacht. «Die eigenen Schwächen zur Stärke machen und virtuos damit spielen», hat er uns gepredigt. Schwächen fand ich einige. Täglich stolpere ich über meine Füsse – was nicht immer sehr angenehm ist. Dimitri aber fand das sehr lustig, und so kreierten wir eine Clownerie, die ich noch heute verwende.

Betty Böhni, meine Bühnenfigur, kippt beim Gehen von den High Heels und klebt sich, wie von Dimitri geraten, die Designerschuhe mit einem brauen Paketband um die Fussgelenke. Dimitri konnte staunen und sich begeistern, auch für kleine Dinge. In einer Theaterbar, eines Abends, wir waren auf Tournee, wurden unsere Getränke mit dem Kunststoff -Giraffen im Glas serviert. Dimitri sah die Tiere, und sofort begann er mit funkelnden Augen, sie über der Kerze zu verformen. Er entfremdete die schmelzenden Figuren und animierte uns zum Mitmachen. So entstand die Giraffen-Gallery. Ein Abend zum Schmelzen! Noch heute verforme ich Giraffen und denke dabei an Dimitri.

Gardi Hutter stellt fest: Er hat Theater-Mauern aufgebrochen

Dimitri war ein Pionier – wie auch seine Frau Gunda. Er hat den Clown wieder ins Theater gebracht (sicher machte der Circus Knie ihn in der Schweiz berühmt – aber Clowns sind älter als der Zirkus), und sie, seine Partnerin hat um ihn herum ein Theater aufgebaut. In den 70er-Jahren waren die grossen Theater ziemlich engstirnig und eingleisig unterwegs.

All die vielen «kleinen» Künstler wie er haben damals Mauern aufgebrochen, innere und äussere und haben das Theater an alle möglichen Orte getragen: Keller, Fabriken, Schlachthäuser – und es so inspiriert, vitalisiert und zeitgemäss gemacht.

Teatro Dimitri: Tag der offenen Tür, 19. September, ab 11 Uhr.

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