Doppelt geimpft und trotzdem gestorben – die Gründe

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Alt Nationalrat Andreas Herczog (74†) an einem Wirtschaftspodium 2014 – dass unter 80-Jährige Geimpfte sterben ist eher selten. Bild: Chris Iseli

Doppelt geimpft und dennoch an Corona verstorben. Dieses Schicksal ereilte letzte Woche den 74-jährigen alt Nationalrat Andreas Herczog. Für Impfskeptiker ist dies ein Argument, sich weiterhin nicht impfen zu lassen. Doch das ist zu kurz gedacht: Aktuell sterben in den Spitälern siebenmal mehr Ungeimpfte als Geimpfte an Covid-19.

Der Tod eines 74-jährigen Geimpften wie bei Herczog ist eher selten: Bei den ungeimpften Toten sind 60 Prozent über 80 Jahre alt, bei den geimpften hingegen 80 Prozent der Todesfälle. Das ist relevant, denn bei dieser Altersgruppe ist die deutliche Mehrheit (84 %) doppelt geimpft.

Das heisst umgekehrt, dass die Gruppe der Ungeimpften (oder erst einmal Geimpften) 80+ nur 16 Prozent ausmacht. Und dennoch stammen aus ihr die allermeisten Todesfälle.

Es gibt vier Gründe, warum der Schutz der Senioren tiefer ist

Die beiden mRNA-Coronaimpfungen schützen trotz der Delta-Variante laut dem BAG immer noch zu 95 Prozent vor schweren Verläufen. Die Senioren sind durch die Impfung aber etwas weniger geschützt – aus verschiedenen Gründen: Erstens baut ein altes Immunsystem meist eine weniger hohe Immunantwort auf, zweitens wurden die Senioren als Erste geimpft und ihre Antikörperzahl ist schon stärker gesunken.

Drittens wurden sie mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft, der gegenüber Moderna nur einen Drittel mRNA enthält (bei Astrazeneca und Johnson & Johnson ist der Impfschutz zu Beginn noch tiefer).

Und viertens kann das Virus in älteren Personen mehr Schaden anrichten. Warum, ist nicht restlos geklärt. Ein Grund sind die häufigeren Vorerkrankungen. Auch gewisse Gene machen manche anfälliger für einen schweren Verlauf.

Nur eine Person der 53 doppelt geimpften Verstorbenen hatte keine Grunderkrankung

Von den 53 doppelt Geimpften, die bis gestern laut dem BAG an Corona starben (seit Januar), hatte eine Person keine Grunderkrankung. Bei den anderen wurde oft mehr als eine gemeldet: Herz-Kreislauf-Erkrankung (36), Bluthochdruck (36), Nierenerkrankung (19), Krebs (13), Immunsuppression (11), Atemwegserkrankung (11), Diabetes (9), Adipositas (4), Demenz (6), Parkinson (2).

Der erste Grund mit der Immunantwort dürfte der wichtigste sein – und ist relativ leicht mit einer dritten Impfung zu beeinflussen. Dabei geht es nicht da­rum, einfach die Antikörperzahl aufzufrischen, um es dann ein halbes Jahr später wieder tun zu müssen.

Nein, wie Andreas Radbruch, Immunologe von der Berliner Charité, erklärt, geht es darum, dass das Immunsystem der älteren Geimpften überhaupt mal so gut angeregt wird, dass seine «Erinnerung» bei einer Infektion ausreicht, um das Virus genug schnell zu eliminieren.

Fürs Immunsystem der Älteren reichen die zwei Dosen nicht

«Bei vielen der Älteren ist das vermutlich nicht geschehen, weil die zweite Impfung gar nicht wirklich als Booster angesehen werden kann», sagt Radbruch. Während der ersten sechs Monate klinge die akute Immunantwort gegen Virus oder Impfstoff erst allmählich ab, dann pendle sich das System in die «Gedächtnisphase» ein.

Die Antikörper sinken in dieser Zeit auf rund 20 Prozent der ursprünglichen Menge. Dabei bleibt es dann. Das ist auch von Impfungen nach Diphtherie und Tetanus bekannt. Trotzdem reiche dies normalerweise auf Jahre und Jahrzehnte hin aus, um eine neue Infektion erfolgreich zu bewältigen. Radbruch sagt: «Idealerweise hätte man die zweite Dosis erst nach sechs Monaten verabreicht, dann wäre sie ein echter Booster gewesen.»

«Doch wegen der akuten epidemiologischen Lage war Zuwarten nicht möglich.» Er sieht eine dritte Impfung bei der Gruppe 60+ nach sechs Monaten deshalb als sehr sinnvoll an. «Einen vierten Booster braucht es danach nicht mehr.» Eine wirksame Immunität sollte dann erreicht sein.

Die Notwenigkeit einer Immunauffrischung für ältere Personen ist derweil auch in der Statistik des BAG abzulesen: In den vier Wochen vom 16. August bis 12. September starben neu 24 geimpfte Personen an Corona. Das waren gemessen an den total 207 Corona-Todesfälle in diesem Zeitraum knapp siebenmal weniger. (Von 14 Prozent der Toten ist der Impfstatus nicht bekannt, weshalb es etwas mehr Todesfälle Geimpfter sein könnten.)

Delta-Mutation schwächte den Impfschutz deutlich

Zu Beginn war das Verhältnis noch geringer: Beim Abflachen der dritten Welle vom 9. Mai bis 6. Juni kamen noch 15 Ungeimpfte auf einen geimpften Coronatoten. Dass die Todesfälle unter den Geimpften zunehmen, hat aber wie erwähnt auch damit zu tun, dass die Geimpften 80+ nun die deutliche Mehrheit stellen (plus 15 % seit Mai).

Der dritte Grund ist Delta: Die Impfungen schützen weniger gut gegen diese Variante. Eine Studie aus Los Angeles zeigt, dass sich am Anfang der Studie Geimpfte zehnmal seltener als Ungeimpfte infizierten. Am Ende der Studie, als Delta dominant war und fast 90 Prozent ausmachte, infizierten sich Geimpfte nur noch fünfmal seltener als Ungeimpfte.

Doch es kommt auf die schweren Verläufe beziehungsweise Hospitalisationen an: In Los Angeles hatten Ungeimpfte ein 29-mal höheres Risiko, im Spital zu landen.

Nur eine Person der 53 doppelt geimpften Verstorbenen hatte keine Grunderkrankung

Von den 53 doppelt Geimpften, die bis gestern laut dem BAG an Corona starben (seit Januar), hatte eine Person keine Grunderkrankung. Bei den anderen wurde oft mehr als eine gemeldet: Herz-Kreislauf-Erkrankung (36), Bluthochdruck (36), Nierenerkrankung (19), Krebs (13), Immunsuppression (11), Atemwegserkrankung (11), Diabetes (9), Adipositas (4), Demenz (6), Parkinson (2).

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