Sie war eine Geisel der Taliban: Regisseur Steiner will die Aargauerin mit seinem Film rehabilitieren – und spricht von Heldentum

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David Och (gespielt von Sven Schelker) und Daniela Widmer (Morgane Ferru) in Geiselhaft in «Und morgen seid ihr tot». Bild: Buena Vista International

Ist «Und morgen seid ihr tot» Ihr persönlichstes Filmprojekt?

Michael Steiner: Das lässt sich schon so sagen, ja. Vor allem, weil ich den Film initiiert habe und neun Jahre brauchte, um ihn auf die Leinwand zu kriegen.

Sie hatten Mühe, dafür Geld zu kriegen. Woran lag es?

Eine erste Produktionsfirma scheiterte nach vier Jahren an der Finanzierung. Dann wurde zum Glück Lukas Hobi mit seiner Produktionsfirma Zodiac Pic­tures auf mein Projekt aufmerksam. Er fand die Verfilmung dieser Geschichte genauso wichtig wie ich.

Zur Person: Michael Steiner

«Mein Name ist Eugen» (2005), «Sennentuntschi» (2010) oder «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2018) – das sind nur die bekanntesten Filme des 52-jährigen Zürchers Michael Steiner.

Mit «Und morgen seid ihr tot» bringt er nun ein Herzensprojekt ins Kino. Vor kurzem wurde bekannt, dass er für SRF eine neue Krimiserie in Basel drehen kann. Drehstart ist im November.

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Regisseur Michael Steiner beim Dreh in Indien. Bild: Zodiac Pictures

 

Geiseln im Kriegsgebiet, die Taliban, schwierige Verhandlungen, schliesslich die Flucht: Den Geiseln wollte man nicht glauben. Trauten die Förderer der Geschichte nicht?

Es war eine Mischung aus Desinteresse am Stoff und Ablehnung gegenüber der Geschichte. Das hatte sehr viel damit zu tun, dass man den beiden ihre Geschichte nicht abnahm, nachdem sie wieder zurück in der Schweiz waren.

Dabei handelt es sich eigentlich um perfekten Filmstoff.

Ja. Ich traf Daniela Widmer und David Och zum ersten Mal und sah den Film vor mir. Ich war fasziniert vom Stoff. Zuerst wurden sie durch die Berge verschleppt, danach in einem Dorf festgehalten. All die Strapazen ihrer Geiselhaft waren erschütternd. Die beiden hatten Einblick in eine Kultur, den kein Westler hatte. Und schliesslich natürlich ihre Flucht.

Was reizte Sie abgesehen von der Geschichte am Stoff?

Ich fand es eine grosse Ungerechtigkeit, wie man die beiden behandelte nach ihrer Rückkehr. Nach all dem, was sie durchmachen mussten. Dabei zeugte ihre Flucht von Todesmut. Auch war ich fasziniert davon, wie sie ihre Gefangenschaft bewältigten. Sie waren ausgebildete Polizisten, er war noch im Dienst. Sie hätten das mit Gewalt zu lösen versuchen können. Doch sie verzichteten darauf. Ich finde, sie haben sich vorbildlich verhalten.

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Die beiden Original-Geiseln David Och und Daniela Widmer kurz vor ihrer Rückkehr in die Schweiz (Aufnahme in Pakistan). Bild: B.k. Bangash/AP

 

In der Schweiz zweifelte man daran, dass es ausgerechnet Schweizern gelingen sollte, vor den Taliban zu fliehen. Und es gab die Haltung in der Bevölkerung: selber schuld. Sie wollen das Image der beiden aufpolieren. Weshalb?

Es geht mir auch um ein verheerendes Signal an Reisefreudige, die man so vor dem Reisen abschreckt. Reisen bildet, der Schweizer reist gerne, und das ist gut so. Bei uns gibt es so wenige Entführungsfälle, dass man bei diesen Einzelfällen nicht wütend mit dem Finger auf die Opfer zeigen und schreien muss: «Fahrlässigkeit!» oder «Jetzt muss der Steuerzahler für die Rettung aufkommen! Daniela Widmer und David Och waren sehr gut vorbereitet.

Sprechen wir zuerst über diesen Punkt: Bei der Route, die die beiden wählten, war die Gefahr durchaus bekannt. Schliesslich mussten sie eskortiert werden. Das kann man doch nicht mit der üblichen Reiselust von Herrn und Frau Schweizer vergleichen.

Das war abenteuerlich, aber kalkulierbar. Die beiden haben sich eingehend damit befasst. Sie wurden im Loralai verschleppt, 500 Kilometer südlich von der Taliban-Hochburg Miransha, wohin sie gebracht wurden. Über diese Route fahren Tausende Touristen, ohne dass etwas passiert. Mit einer Entführung mussten sie da eigentlich nicht rechnen. Wenn man den beiden eine Mitschuld geben will, dann kann man auch mit dem Finger auf die Touristen zeigen, die in Luxor bei einem Terrorangriff ums Leben kamen. Selbst für London gab es temporäre Warnhinweise, früher wegen der IRA, dann wegen Al-Kaida. Ist man dann auch selber schuld, wenn man in die U-Bahn steigt, in der eine Bombe hochgeht?

Jetzt übertreiben Sie. Es ist doch nicht dasselbe, wenn man sich geführten Touristenbesuchen in Ägypten anschliesst oder individuell eine Route durch ein Land wählt, für die ein bewaffneter Konvoi nötig ist.

Ich will damit sagen, dass es weiss Gott heiklere Reisegebiete gibt als die Gegend in Pakistan, in der sie entführt wurden. In Südostasien zum Beispiel herrscht ein grosses Entführungsrisiko durch die Abu Sajaf, auch in gewissen Gebieten Mexikos ist das Entführungsrisiko für Touristen beträchtlich. Trotzdem reisen Touristen dahin. Die Gegend in Pakistan war damals, vor zehn Jahren, nicht besonders heikel. Ich denke, der Hass, der den beiden entgegen schwappte, hatte auch sehr viel damit zu tun, dass sie Polizisten waren. Bei einer Primarlehrerin wäre es anders herausgekommen. Aber mit dem Polizisten als Stigma herrscht gleich doppelte Antipathie.

Eine Lehrerin wäre doch sicher als naives Tüpfi dargestellt worden. Ausgerechnet die Vorbilder für unsere Kinder gehen dorthin! Und noch einmal: Wenn man eine Route einschlägt, auf der man sich eskortieren lassen muss, ist das doch was anderes als ein Besuch in London oder auf einer geführten Tour in Ägypten.

Eskortiert durch heikles Terrain zu fahren ist kalkulierbares Risiko, in die U-Bahn steigen ist weniger kalkulierbar. Auf einen Schweizer Gipfel steigen auch.

 

Sie vertrauen Ihren Protagonisten voll und ganz. Ausgerechnet zwei Schweizer Geiseln soll die Flucht gelungen sein. Weshalb?

Ich habe den beiden nicht misstraut, weil ihre Schilderungen von allen Seiten bestätigt wurden. Die Politik in Bundesbern, der Botschafter in Islamabad, alle bestätigten die Geschehnisse, und ich kam zum Schluss, dass ihre Schilderungen glaubwürdig sind.

Letztlich dreht sich die Diskussion um die Frage, ob sie aus eigener Kraft fliehen konnten oder ob sie ihre Geiselnehmer wegen der Lösegeldzahlung gehen liessen. Es gibt nur Indizien, keine Beweise.

Auf Indizien verlasse ich mich nicht. Als die beiden flohen, waren sowohl der pakistanische Geheimdienst als auch die Schweizer Botschaft überrascht. Zudem wäre es absurd gewesen, die beiden nachts durch ein vermintes Gebiet fliehen und dann noch stundenlang vor dem Militärstützpunkt der Pakistaner warten zu lassen.

Dann glauben Sie, die Schweiz bezahle nie Lösegeld für die Freilassung von Entführten?

Nein, das glaube ich nicht. Natürlich fliesst Geld, aber im Fall von Widmer und Och floss keines, obwohl ein Angebot im Raum stand.

Sie haben sich für diese sehr einseitige Sichtweise entschieden, bleiben mit Ihrem Film eng an den beiden Geiseln. Weshalb?

Weil das der spannendste Ansatz ist, die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen.

Gerade die Behörden aus Bundesbern stehen gar blöd da in Ihrem Film. Es wirkt, als würden sich ein paar nicht empathische Trottel um die Familien der Geiseln und um die Freilassung kümmern. Das ist doch kaum so. Warum tun Sie das?

Die sind nicht unsympathisch, die machen einfach ihren Job. Es gibt in der Schweiz aber keine Geiselspezialisten, sondern im Fall von Widmer und Och auch Polizisten, die bis 16 Uhr Strafzettel verteilen und dann abends zur Fallkommission müssen. Bei einer Entführung schickt das Aussendepartment zusätzlich jemanden vor Ort, um sich des Falls anzunehmen, aber die Schweiz erhält wenig Hilfe von ausländischen Geheimdiensten. Wir sind ein neutrales Land und deswegen nicht so gut vernetzt.

Kann die Schweiz nicht für ihre Bürger im Ausland sorgen?

Nur bis zu einem bestimmten Grad. Andere Länder haben Spezialisten, wenn so etwas passiert, und bessere Beziehungen vor Ort, manche haben sogar militärische Mittel.

Sie legen für Daniela Widmer und David Och Ihre Hände ins Feuer. Wie geht es den beiden?

Daniela ist Gemeindepräsidentin in Bellikon, David arbeitet in St.Gallen in der Sicherheitsbranche. Für ihn war es besonders schmerzhaft, dass er nach seiner Rückkehr sogar das Vertrauen seiner Vorgesetzten verlor.

Der Film ist eine schweizerisch-deutsche Co-Produktion. Warum sollte er das deutsche Publikum interessieren?

In Deutschland herrscht ein breiteres Verständnis für das Thema. Das hat damit zu tun, dass Deutschland in Afghanistan militärisch involviert war. Nicht so in der Schweiz, wo man keine Angehörigen in der Region hatte, das ist alles ganz weit weg, und so werden die Opfer schnell zu Trotteln, die einfach so in ein fremdes Land fahren.

Ist diese Reaktion typisch schweizerisch?

Ja und nein, denn ich finde meine Reaktion auch typisch schweizerisch, wenn ich mich dagegen wehre, wie mit Entführungsopfern umgesprungen wird, die nicht grobfahrlässig handelten. Schaut man sich die Leserkommentare an, befällt einen schon manchmal das Gefühl einer versteckten «Neidgenossenschaft».

Eine Neiddiskussion also… Vertragen wir Schweizer keine Helden?

Vielleicht, für mich sind Daniela Widmer und David Och aber Helden.

 

«Und morgen seid ihr tot» (CH 2020, 115 Min.); Regie: Michael Steiner; jetzt am Zürcher Filmfestival ZFF, ab 28. Oktober im Kino.

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