«Mir wurde in den letzten 20 Jahren dank der Swissair nie langweilig»: Liquidator Karl Wüthrich zieht Bilanz

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Karl Wüthrich (68) bezeichnet die Liquidation der Swissair als sein Karriere-Highlight. Bilder: KEY / NZZ, Montage: chm / cri

Am 2. Oktober jährt sich das Swissair-Grounding zum 20. Mal. Wie feiern Sie das Jubiläum?

Karl Wüthrich: Ich feiere nicht, mich berührt das nicht sonderlich. Für mich ist diese Liquidation ein normales, wenn auch hochspannendes Mandat. Aber eine Kerze werde ich am 2. Oktober nicht anzünden.

Dennoch: Der Fall hat 20 Jahre Ihrer Karriere beansprucht. Wie lautet Ihr Fazit?

Für mich persönlich ist das Swissair-Mandat das Highlight meiner Karriere. So einen Fall erhält man als Anwalt nur einmal im Leben. Die ganze Liquidation war aber sehr komplex und anspruchsvoll. Mir wurde in den letzten 20 Jahren dank der Swissair auf jeden Fall nie langweilig.

Zwei Jahrzehnte sind seit der grössten Schweizer Firmenpleite vergangen. Doch noch immer ist die Liquidation nicht beendet. Weshalb?

Weil der Fall - wie gesagt – hochkomplex ist. Es ist ein Konkurs einer Gruppe von Gesellschaften mit vielen gegenseitigen Beziehungen und Verbindungen ins Ausland. In den von mir geführten vier Liquidationsverfahren – SAirGroup, Swissair, SAirLines und Flightlease – meldeten rund 25’000 Gläubiger Forderungen von insgesamt rund 150 Milliarden Franken an. Nach der Bereinigung der Passiven mussten schliesslich Forderungen von 20 Milliarden Franken von 15’000 Gläubigern anerkannt werden.

Wie viele Leute warten noch auf ihr Geld?

Die Gläubiger erhielten in den letzten 15 Jahren je nach den vorhandenen flüssigen Mitteln laufend Abschlagszahlungen. Sie mussten somit nicht bis heute auf ihr Geld warten.

Dennoch ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Wie lange dauert es noch?

Wir sind auf der Zielgeraden. Bei der SAirLines und bei der Flightlease konnte ich bereits die Schlussarbeiten einleiten. Diese beiden Verfahren sollten bis Mitte 2022 zum Abschluss kommen. In den anderen Verfahren sind im Wesentlichen zwei Geschäfte noch nicht bereinigt. Eines betrifft die Auseinandersetzung zwischen der Swissair und der Sabena über gegenseitige Forderungen. Beim anderen geht es um die Bereinigung einer von der Swissair bei der SAirGroup angemeldeten Forderung. Allerdings wird dann die Auszahlung der Schlussdividenden an die rund 15’000 Gläubiger einige Zeit in Anspruch nehmen. Wann die Verfahren der SAirGroup und der Swissair beendet werden können, lässt sich nicht abschätzen, weil ich nicht allein darüber entscheiden kann.

Wie viele Ordner sind es bis heute geworden?

Einige hundert. Ich werde sie bald zählen müssen, um zu wissen, wie viel Platz ich zur Archivierung für all diese Ordner benötige. Für die Aufbewahrung der Akten gibt es heute verschiedene Lager-Anbieter, oftmals sind es Transportunternehmen. Die Verfahrensakten müssen zehn Jahre lang aufbewahrt werden.

Und wie sieht die Schlussrechnung aus?

Nach Abzug aller Kosten konnten wir ein netto Liquidationsergebnis von rund 3.8 Milliarden Franken erzielen. Zu den liquidierten Aktiven gehörten Tochtergesellschaften wie Gate Gourmet oder Swissport, Gebäude im In- und Ausland und Anfechtungsansprüche von über 500 Millionen Franken aber auch kleinere Dinge wie Flugzeugmodelle, Geschirr und Besteck und Board-Trolleys mit Swissair-Logo. Mit dem Verkauf von solchen Gegenständen konnten immerhin noch mehr als 6 Millionen Franken erzielt werden.

Und wie gross waren die ausstehenden Forderungen?

Allein im grössten Verfahren, jenem der SAirGroup, mussten rund 11 Milliarden Franken an Forderungen anerkannt werden. Hier werden die Gläubiger einen Verlust von rund 8 Milliarden Franken erleiden.

Zu den Gläubigern, die einen Verlust erleiden, gehören Firmen, aber auch viele Privatpersonen. Erhielten Sie viele verzweifelte Anrufe?

Anrufe gab es verhältnismässig wenige. Wir hatten sofort nach Beginn der Verfahren eine Webseite für die Liquidationen eingerichtet. Auf dieser informierten wir regelmässig über den Ablauf des Verfahrens. Das war damals ein relativ neuartiger Weg. Zu Spitzenzeiten hatten wir bis zu 2’500 Klicks pro Tag. Aber klar, es gab auch Anrufe und E-Mails, die ich teils selbst beantwortet habe. Ein Konkurs führt immer auch zu menschlichen Problemen. Aber unter dem Strich konnten wir eine besseres Ergebnis erzielen, als wir anfangs erwartet hatten.

Eine Niederlage mussten Sie mit Ihrer Schadenersatzklage gegen die Verwaltungsratsmitglieder einstecken.

Ja. Wenn ich damals die Entwicklung der Rechtsprechung betreffend Verantwortlichkeits­ansprüche gekannt hätte, wäre ich anders vorgegangen. Hinzu kommt, dass der öffentliche Druck, gegen die Verantwortlichen vorzugehen, nach dem Grounding gross war.

Hatten Sie mit Mitgliedern der damaligen Swissair-Führung, wie Philippe Bruggisser, Mario Corti oder Vreni Spoerry in den letzten Jahren oft Kontakt?

Nein. Einige Personen aus dem Management halfen mir beim Aufräumen nach dem Grounding und bei den Verkäufen. Aber mit den übrigen Führungspersonen hatte ich nach dem Ende des Flugbetriebs 2002 praktisch keinen direkten Kontakt.

Jüngst haben Sie sich mit dem ehemaligen Swissair-Finanzchef Georges Schorderet geeinigt. Auf was?

Es ging um die Bereinigung seiner Lohnforderungen.

Wird es noch weitere Deals geben mit früheren Managern und Verwaltungsräten?

Nein, das ist alles erledigt. Ende 2020 gab es einen abschliessenden Vergleich mit einer Zahlung des Verwaltungsrates und des Managements von 2,75 Millionen Franken.

Was war rückblickend Ihre schwierigste Aufgabe?

Da gab es viele. Ganz am Anfang der Verfahren im Herbst 2001 musste ich die in der Swissair-Gruppe vorhandenen Aktiven sichern. Es ging auch darum, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Dafür musste ich unter Zeitdruck viele schwierige Verhandlungen mit den Vertretern von Bund, Kantonen, Banken und Flughafen Zürich, mit Interessenten für den Kauf von Swissair-Gesellschaften aber auch mit den Gewerkschaften führen.

Danach wurde es einfacher?

Zumindest weniger hektisch. In den letzten Monaten ging es darum, die komplexen Beziehungen zwischen den verschiedenen Swissair-Gesellschaften zu Entflechtung. Die SAirGroup ist beispielsweise Schuldnerin der Swissair, die Swissair ist Schuldnerin der SAirLines und diese wiederum Schuldnerin der SAirGroup. Durch diesen Kreislauf floss bei jeder Abschlagszahlung der SAirGroup ein Teil davon wieder an sie zurück. Diese Geldkreisläufe galt es zu unterbrechen.

Wie viel hat der ganze Liquidationsprozess gekostet?

Alle Verfahrenskosten betragen wohl mehr als 300 Millionen Franken, was im Vergleich zu anderen Liquidationsfällen wie Lehman Brothers verhältnismässig wenig ist. Im Übrigen werden diese Kosten durch die während der Liquidationsverfahren generierten Erträge, wie Bankzinsen und Liegenschaftserträge, vollständig gedeckt.

Sie selbst haben damit aber bestimmt gut verdient.

Ich konnte den Stundenaufwand zu den von den Nachlassrichtern festgelegten Stunden­sätzen abrechnen. Diese Stundensätze sind tiefer als in anderen Wirtschaftsmandaten üblich. Es war ein gutes, aber auch sehr aufwändiges, zeitraubendes Mandat. Und wenn alles fertig ist, beende ich die Verfahren, mit der Überzeugung, meine Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erledigt zu haben.

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