Sie rappen über Drogen – und verkaufen Teenagern Eistee

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Den BraTee von Capital Bra gibt es bereits bei Grossverteilern in der Schweiz. Instagram / @brattee_official

Nichts Gewöhnlicheres als Eistee. 1.50 Franken kostet das Zwei-Liter-Tetrapack in der Migros. Das Allerweltgetränk, das überall hinpasst, vom Schulhaus- über den Fussballplatz bis hin zum Gaming-Zimmer. Von Neuerungen war wenig zu hören, der Wandel vom Nestea zum Fusetea interessierte kaum jemanden und das Verpackungsdesign der Migros ist so veraltet, dass es bereits als «Kult Ice Tea» angepriesen wird.

Doch im Jahr 2021 lösen Eistees plötzlich Riesenhypes aus: BraTee war im Sommer der Hit. Im August kam DirTea dazu, in der Schweiz bislang erst übers Internet zu kriegen. Und am Freitag wurde in Deutschland der HafTea lanciert, der in der Schweiz im Oktober erhältlich sein soll. Hinter allen drei Getränken stehen grossen Namen aus der deutschen Rap-Szene.

Bei Shirin David ist sogar der Eistee fotogen.

Bei Shirin David ist sogar der Eistee fotogen.

Instagram / Shirin David

Wer damit angefangen hat? Capital Bra. Jener Deutschrapper, wegen dessen Nummer-eins-Hit vor zwei Jahren die Lehrkräfte in Primarschulen erklären mussten, was Tilidin ist. (Es ist ein rezeptpflichtiges Schmerzmittel aus der Klasse der Opioide, das auch als Rauschmittel konsumiert wird und abhängig macht.) Mit 4,1 Millionen Abonnenten auf Instagram braucht er sich über den Absatzmarkt für sein Eistee kaum Gedanken zu machen.

 

Unterwäsche, Parfüm und Getränke in Pastell

Shirin David ist das weibliche Pendant. Während Bra Wurzeln in Russland und der Ukraine hat, ist es bei ihr Litauen – als «Ostblock-Bitch mit ‘ner baltischen Mum», beschreibt sie sich in einem Song. Auf Instagram präsentiert sie sich nicht nur rappend, sondern auch in Unterwäsche aus der neusten Kollektion von US-Starsängerin Rihanna. Die pastellartigen Farbtöne ihrer drei Eisteesorten, blauviolett, pink und rotorange, ergeben eine perfekt fotogene Kombination – der DirTea soll offensichtlich junge Frauen ansprechen, wie schon das nach ihr selbst benannte Parfum, das sie 2017 auf den Markt brachte.

Der dritte, der auf den Tee-Zug aufgesprungen ist, nennt sich Haftbefehl, HafTea heisst daher sein Getränk. Er ist 35 und damit neun Jahre älter als Capital Bra und Shirin David. Schon der Name macht klar, dass er nicht das ideale Vorbild für Eistee trinkende Kinder ist. Und seine Texte tun es erst recht. «Gib mir eine Tonne weisse Ziegelsteine», beginnt eines seiner Lieder, und falls jemand noch nicht verstanden hat, klärt er ein paar Zeilen später auf: «Wovon ich rede? Von Kilos Kokaino.» Da sind dann auch Kriminalität und Gewalt nicht weit weg.

Kaufen Kinder nun also Getränke von Menschen, die Drogen und Waffen verherrlichen? So einfach ist es nicht. In einem Interview sagte Haftbefehl: «Es geht meistens nicht gut aus, wenn man Drogen nimmt. Ich warne auch die Jugend, dass es nicht cool ist, damit in Berührung zu kommen.» Ähnlich Capital Bra, der öffentlich über seine Sucht und den Entzug spricht – und sagt, dass er sich nun schäme, zur Popularität der Droge Tilidin beigetragen zu haben.

Gewiss könnte der Rapper auch Getränke wie Wodka promoten, den er ebenfalls im Megahit «Tilidin» erwähnt. Dass er stattdessen alkoholfreien Eistee gewählt hat, hat aber marketingtechnisch Vorteile. Unter seinen Fans sind doch ziemlich viele ziemlich jung.

Viel Zucker und ein wenig Alkohol

Heikler ist da der DirTea von Shirin David – obwohl in ihren Liedtexten Drogen kein Thema sind. Zu ihren drei alkoholfreien Eisteesorten, die bereits angekündigt sind, soll bald eine mit Alkohol dazukommen. Mit fünf Prozent wird der Eistee etwa so stark wie Bier sein, aber wegen des Zuckers wohl deutlich süffiger. Ein leichter und bunter Einstieg in den Alkoholkonsum.

Wenn dann noch Sportwagen dazukommen wie der 800-PS-Ferrari, den die Rapperin in einem Video mit über 2 Millionen Klicks getestet hat, wirkt der Werbeslogan definitiv daneben: «Stay safe, drink DirTea.» Selbst die alkoholfreie Variante ist nicht gerade der Inbegriff ausgewogener Ernährung, der Zuckergehalt liegt mit acht bis neun Gramm pro Deziliter ungefähr bei Coca-Cola (aber unter Red Bull). Ob das schlecht ist für Kinder? Das ist eine Frage des Masses. Aber das gilt für jedes andere Süssgetränk ebenso.

Bleibt die Frage, wie Eistee zum Image der toughen Rapperin, des abgebrühten Rappers passt. Wir erinnern uns, dass schon im vorderen Jahrhundert ein Rapper mit dem Künstlernamen Ice-T grosse Erfolge und mit Songs wie «Cop Killer» problemlos das Bild des harten Kerls aufrechterhielt. Und wenn wir sehen, dass der alternder Schweizer Rapper Stress für Haushaltsgeräte wirbt, ist der Eistee doch die stilechtere Methode, um Geld zu machen.

 

Und nur ums Geld geht es letztlich. Rund 2.50 Franken für 0,75 Liter Bratee, das ist rund viermal so teuer wie Migros-Eistee. DirTea ist sogar noch teurer.

«Money, Gucci, Bitches» – der Songtitel sagt, welche Werte Capital Bra zelebriert. Bedenklich besonders das dritte – denn während sich die Rapper punkto Drogen geläutert zeigen, hat sich das Frauenbild nicht gebessert. In einem Video von Capital Bra räkelt sich eine Frau mit übergrossem Busen in Unterwäsche vor dem Mann.

Wenn sich Shirin David selber als Bitch bezeichnet, muss dies zwar nicht als sexistisch gewertet werden. Aber ihren Körper hat sie chirurgisch einem Ideal angeglichen, das offensichtlich von männlichen Vorlieben geprägt ist. Weit weg von der «Body Positivity», dem Akzeptieren und Wohlfühlen jedes Körpers unabhängig von dessen Aussehen.

Otto’s machte unbewusst Werbung für Droge

Nicht jedes Kind, das Rapper-Eistee trinkt, wird dadurch zum sexistischen Macho mit Hang zu Drogen. Doch viele Erwachsene kriegen kaum mit, was hinter Bratee und Co. steckt. Das hat im Frühling eine Werbekampagne auf der Website von Otto’s gezeigt: «Bratan bring mir Tilidin», hiess es dort. Höchste Zeit, eine Frage zu beantworten, die im Internet auftaucht: Nein, Bratee enthält kein Tilidin.

 
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