
Aargauer Kapo-Chef warnt: Cybercrime und Clan-Strukturen unterminieren Wirtschaft und Staat
Einen Schnaps nahm nach der Veranstaltung doch keiner der Gäste, wie Moderator Niklaus Leemann befürchtet hatte. Denn «schwer zu verdauen» sei es gewesen, was der Aargauer Polizeikommandant Michael Leupold und Staatsanwalt Adrian Schulthess am Mittwoch am Liberalen Wirtschaftstreffen in Rheinfelden über organisierte Kriminalität und Cyberverbrechen berichteten.
Eingeladen in das Restaurant «Schützen» hatten die beiden FDP-Bezirksverbände Rheinfelden und Laufenburg. Dass Sicherheit als Thema des diesjährigen Treffens durchaus relevant für die Wirtschaft sei, machte Leemann schon zu Beginn anhand von zwei historischen Beispielen – der Hanse und der Seidenstrasse – sowie einem aktuellen, der WTO, deutlich: «Ohne (Rechts-)Sicherheit gibt es keine Prosperität.»
Dunkelfeld der organisierten Kriminalität bleibt hoch

Bild: Boris Burkhardt
Leupold mahnte, die Gefährlichkeit der organisierten Kriminalität für Rechtsstaat und Gesellschaft nicht zu unterschätzen: Sie finanziere sich selbst, löse Probleme mit Gewalt, sei mit der legalen Wirtschaft verflochten und unterwandere sowie besteche die staatliche Verwaltung. Der Polizeikommandant nannte mit der Ermordung des niederländischen Journalisten Peter de Vries, der versuchten Entführung des belgischen Justizministers und dem eskalierten Bandenkrieg in Schweden Beispiele exzessiver organisierter Kriminalität aus mit der Schweiz vergleichbaren Ländern.
Der Drahtzieher hinter der versuchten Entführung sei in Zürich verhaftet worden, wo er «in Saus und Braus» gelebt habe. Im April sei in Brugg ein Bandenmitglied auf offener Strasse im Auto von einem rivalisierenden Clan beschossen worden. «Eine versuchte Exekution», sagte Leupold: «Der öffentliche Aufschrei blieb aus.» In der Schweiz seien 2024 ausserdem 47 Bancomaten gesprengt worden: Die Schweiz sei lukrativ, weil es viele abgelegene Bancomaten im ländlichen Raum mit viel Bargeld gebe.
Das Dunkelfeld der organisierten Kriminalität bleibe hoch, weil wenige Verbrechen zur Anzeige gebracht würden, weil die monoethnischen Strukturen der Clans schwer aufzubrechen seien und weil die Verflechtungen mit der legalen Wirtschaft sie schützten. Zudem sei die internationale Verflechtung der Kriminalität im Vorteil gegenüber dem Territorialprinzip der Polizei.
Die Kantonspolizei Aargau verfasse seit einigen Jahren einen jährlichen Bericht zur organisierten Kriminalität. In mehreren Razzien mit anderen Behörden habe es Erfolge gegen Drogenhandel, Sprengungen, Geldwäsche und Menschenhandel gegeben. Durch «präventiven Kontrolldruck» wolle die Kantonspolizei «das Dunkelfeld ausleuchten». Dabei könne die Wirtschaft durch Monitoring und Prävention mithelfen. Die Rheinfelder Bezirkspräsidentin Gaby Gerber empfahl den Anwesenden für ihre Betriebe wärmstens die Präventionsschulungen der Polizei.
Wenn das Geld auf einmal verschwunden ist

Bild: Boris Burkhardt
Schulthess erklärte auf humorvolle, aber seriöse Weise, wie aktuell der Online-Anlagebetrug in der Schweiz funktioniere. Die ausgeklügelte Zusammenarbeit von Softwareherstellern, Callcentern und Zahlungsdienstleistern bringe leichtgläubige Menschen dazu, immer neues Geld online zu investieren: «Sie können dabei zusehen, wie Ihr Geld in der angeblichen Anlage ständig wächst – bis Sie es zurückwollen; dann ist es auf einmal verschwunden samt der ganzen Homepage dazu.»
2024 seien auf diese Weise Menschen in der Schweiz um 236 Millionen Franken betrogen worden, im Aargau um 27,5 Millionen. Teil dieser Betrugsmasche seien sogenannte «Money Mules», Geldesel: Das seien oft Schweizer Durchschnittsbürger, die auf Inserate reagierten, wie sie einfach Geld verdienen könnten. Sie stellten ihr Konto zur Verfügung oder eröffneten ein neues, auf dem das Geld der Opfer eingehe und von den Tätern abgebucht werde.
Nur hier könne die Staatsanwaltschaft in der Schweiz zur Strafverfolgung ansetzen, um den Geldfluss zu unterbinden. Nur Prävention helfe gegen «Money Mules»: Schulthess dankte hier den Medien, die berichteten, und den Banken, die ihre Kunden sensibilisierten.