
«C. G. Jungs Lehren halfen Chinas Patienten durch die Covid-Pandemie»: Fudan-Professor über die überraschende Popularität des Schweizer Psychiaters
An europäischen Universitäten ist der Schweizer Psychiater C.G. Jung heute wenig populär. Im Medizinstudium an einer Schweizer Universität bin ich ihm nur am Rande begegnet. Wie relevant ist Jung in China und Asien?
Heyong Shen: Die Ideen von C. G. Jung sind in der chinesischen Psychologie sehr bedeutend – etwa das kollektive Unbewusste, Archetypen, Psyche, das Selbst und die Individuation. Wir haben die China Society of Analytical Psychology mit Ausbildungsprogrammen, derzeit mit 34 Vollmitgliedern und 68 Kandidaten. Jung ist in China heute sehr einflussreich, auch viele andere Psychologen praktizieren Jungianische Psychotherapie, ohne direkt assoziiert zu sein.
Lassen sich Jungs Ideen leicht mit traditionellen chinesischen Werten und dem kulturellen Glaubenssystem verbinden?
Nein – oder besser gesagt: Es ist kein einfacher Transfer, sondern eine tiefere Beziehung. Denn die Jung’sche Analyse steht in enger Verbindung zur chinesischen Kultur, etwa zum I Ging [antikes chinesisches Handbuch aus der Zeit vor Chr., Anm. d. Red.] und zum Daoismus. Jung integrierte chinesische Kultur und Philosophie in seine Analytische Psychologie, er lernte auf seinen Reisen sogar chinesische Schriftzeichen.
Wird die analytische Psychologie in China an Universitäten gelehrt? Oder eher ausseruniversitär, wie das in vielen Ländern Europas der Fall ist?
Auch an den Universitäten. Ich bin der erste Jung’sche Analytiker in China und Professor an der South China Normal University, der Fudan University und der City University of Macao. An all diesen Universitäten habe ich Institute für Analytische Psychologie gegründet, für Lehre und Forschung. Wir haben zum Beispiel allein an der City University of Macao jedes Jahr 30 Doktorandinnen und 60 Masterstudenten – die meisten verfassen ihre Dissertationen im Bereich der Analytischen Psychologie.
Was fasziniert Sie denn an den Lehren C. G. Jungs und seiner Analytischen Psychologie?
Die Psyche, das Selbst, die Individuation, ebenso der Schatten, die Komplexe, die psychologischen Typen – und das Wissen des Herzens.
In der Schweiz und in Deutschland ist derzeit die Kognitive Verhaltenstherapie die vermutlich populärste Behandlungsmethode der Psychologie. Welche Methoden sind in China am meisten verbreitet?
In China sind heute neben der Analytischen Psychologie auch die übliche Psychoanalyse, Kognitive Verhaltenstherapie, Humanistische Psychologie, Gestalttherapie und Dynamische Psychotherapie besonders populär.
Während der Covid-Pandemie haben Sie in China viele Patienten mit psychologischen Problemen betreut. Welche Therapien waren dort besonders erfolgreich?
Die Lehren unserer psychologischen Hilfsarbeit bei Covid-19 ebenso wie bei den Erdbeben 2008 in Wenchuan und 2010 in Yushu haben wir unter dem Titel «Garden of the Heart and Soul» zusammengefasst. Sie basiert auf der Jung’schen Psychologie und der chinesischen Kultur. Eine besondere Rolle spielte dabei die von Dora Kalff entwickelte Sandspieltheorie.
Da geht es um schöpferische Behandlungsmethoden. Ist das denn auch in der Klinik erfolgreich?
Die Sandspieltherapie ist die wichtigste Methode, die wir einsetzen, und war sowohl bei Covid-19 als auch bei der Katastrophenhilfe nach den Erdbeben erfolgreich. Der Ansatz zeigt auch bei der psychologischen Unterstützung von Waisenkindern in China gute Resultate. Wir haben mittlerweile über 100 Arbeitsstationen in Waisenhäusern eingerichtet.
Heyong Shen ist Professor, Buchautor und Gründungspräsident der chinesischen Gesellschaft für analytische Psychologie und Sandspieltherapie. Er organisiert dreijährlich die seit Jahrzehnten stattfindende Konferenz für Jungianische Psychologie und chinesische Kultur. Shen interessiert sich dabei besonders für das «Wissen des Herzens» aus dem «Roten Buch» von C. G.Jung, das 48 Jahre nach dessen Tod veröffentlicht wurde.(smr)