Schlüsselspiel zum Auftakt

Am Samstag (15.00 Uhr) steigt die Schweiz in Baku in die EM-Endrunde. Der Start gegen Wales ist bereits das Schlüsselspiel. Aber: Schlüsselspiele hat die Schweiz zuletzt stets gewonnen.

12. Juni 2021 statt 13. Juni 2020: Mit einer Verspätung von 364 Tagen startet die Schweiz ins EM-Turnier. Die pandemiebedingte Verschiebung um ein Jahr könnte der SFV-Auswahl zum Vorteil gereichen. Nationalmannschaftsdirektor Pierluigi Tami jedenfalls sagte: "Es ist wohl so, dass wir sportlich gesehen profitieren. Die Mannschaft hat an Reife gewonnen."

Es ist ein Satz, der zum Träumen verleiten könnte. Ist der langersehnte Sprung unter die Top 8 bei einem Turnier so realistisch wie noch nie? Schliesslich spricht und schreibt man von der talentiertesten Schweizer Mannschaft der Geschichte. "Wir sind weiter als vor drei Jahren an der WM in Russland", meinte etwa Torhüter Yann Sommer.

Trotzdem blieben die Schweizer bei der Zielsetzung vorsichtig. Nationalcoach Vladimir Petkovic sprach bloss davon, es sei "realistisch, dass wir die K.o.-Runde erreichen". Über die ersten Spiele hinaus wollen die Schweizer partout nicht schauen. Das Wort Viertelfinal oder sogar Halbfinal geht ihnen nicht über die Lippen. Sommer: "Natürlich will man an einem Turnier das Maximum erreichen. Aber wir gehen Schritt für Schritt."

Dieser erste Schritt ist das Startspiel gegen Wales. Es ist auf dem Papier die einfachste Aufgabe der Vorrunde. Im Kampf um einen der ersten zwei Plätze in der Gruppe A oder um einen der vier Achtelfinal-Plätze für die besten Gruppendritten ist von den Schweizern ein Sieg gefordert. Die nötigen Punkte danach in Rom gegen Italien oder im "Auswärtsspiel" in Baku gegen die Türkei holen? Einfacher wird es nicht.

Wo steht das Team?

Heikel ist der Auftakt gleichwohl. Denn diese talentierte Schweizer Mannschaft weiss am Vorabend der EM nicht genau, wo sie steht. Sie hat Anhaltspunkte, dass sie bereit sein könnte für die grosse Aufgabe. Da sind die spielerisch guten Auftritte im letzten Herbst gegen Spanien und Deutschland. Aber das waren Spiele ohne Resultatdruck. Dass die Schweiz nie gewann, blieb ohne Folgen.

Oder da sind die fünf Siege in fünf Partien in diesem Jahr. Aber da hiessen die Gegner Bulgarien, Litauen, Finnland, USA und Liechtenstein. Die Gruppenspiele gegen zähe Waliser, spielstarke Italiener und feurige Türken werden ganz andere Gradmesser sein, und Ausreisser nach oben sind rar. Abgesehen vom Test vor ein paar Tagen gegen die USA hat die Schweiz unter Petkovic nur zwei Spiele gegen Teams aus den Top 20 des FIFA-Rankings gewonnen. 2016 gegen Portugal und 2018 gegen Belgien. Wales ist derzeit die Nummer 17 der Weltrangliste.

Ausserdem stehen solche Fragen im Raum: Ist Xherdan Shaqiri auch ohne Spielpraxis der Spieler, der "den Unterschied ausmachen" kann, wie er stets von sich behauptet und wie er es an Endrunden schon gezeigt hat? Beweist Haris Seferovic, dass er nicht nur für Benfica Lissabon, sondern endlich auch für die Schweiz an einer Endrunde entscheidend sein kann. Erreicht Breel Embolo die Schubkraft, die von ihm schon lange erwartet wird? Liefern Nico Elvedi und Remo Freuler ihre konstanten Leistungen nicht nur in der Provinz, sondern auch unter dem Brennglas einer EM-Endrunde ab? Reicht im ersten Turnier ohne die Alphatiere Stephan Lichtsteiner und Valon Behrami die spielerische Qualität, um fehlende Routine, Biss und Aggressivität zu kompensieren?

In der Vorrunde ungeschlagen

Trotz dieser Fragezeichen ist Zuversicht erlaubt. In der Vergangenheit hat es Petkovic stets geschafft, die Mannschaft so weit zu bringen, dass sie die Pflicht erfüllte. An der EM 2016 und an der WM 2018 blieb die Schweiz in sechs Vorrundenspielen ungeschlagen. Das ist ausser ihr nur Weltmeister Frankreich, WM-Finalist Kroatien und Europameister Portugal gelungen. Ausserdem hat die Schweiz an den Endrunden unter Petkovic die Schlüsselspiele in der Vorrunde jeweils gewonnen. In Frankreich gegen Albanien, in Russland gegen Serbien.

Allerdings sorgten diese beiden Erfolge gegen Teams vom Balkan für Diskussionen. Ohne nochmals auf die Bruderduelle im Spiel gegen Albanien und auf die Doppeladleraffäre im Nachgang zum Duell gegen Serbien einzugehen: In den letzten acht Endrundenspielen gewann die Schweiz nur gegen Albanien und Serbien. Das kann Zufall sein, muss es aber nicht. Und vor allem: Das kann damals ein Vorteil gewesen sein – vielleicht war es letztlich aber auch ein Nachteil.

Mag sein, dass die Schweizer diese Spiele gewonnen haben, weil sich die Emotionen rund um diese Duelle derart hochgeschaukelt hatten, dass die Schweizer über sich hinauswuchsen. Allerdings entzogen diese brisanten Partien dem ganzen Projekt auch viel Energie. Ein weiterer Höhepunkt folgte danach weder in Frankreich noch in Russland.

"An der WM ging das nicht spurlos an uns vorbei, und dann verloren wir gegen einen Gegner im Achtelfinal, den wir auch hätten schlagen können", sagte Sommer. Ähnliche Konstellationen sind an der EM 2021 nahezu auszuschliessen. Es könnte ein Schlüssel sein für den Coup, von dem die Fussball-Schweiz seit Jahren spricht und träumt.

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