Hirschi im Sturzpech - Alaphilippe behält Regenbogentrikot

Frankreichs Radstar Julian Alaphilippe verteidigt vor atemberaubender Kulisse in Flandern seinen WM-Titel im Strassenrennen. Bei der Heimschmach der Belgier gehen auch die Schweizer leer aus.

Es war alles angerichtet. In Scharen stand das radsportbegeisterte belgische Publikum am Strassenrand, um zum Abschluss der Strassen-Weltmeisterschaften ihre Lieblinge Wout van Aert und Remco Evenepoel zum Sieg zu tragen. Doch das Drehbuch sah anders aus.

Die Rolle des Spielverderbers nahm Julian Alaphilippe dankend an. Der Franzose sicherte sich wie im vergangenen Jahr in Imola mit einer seiner beherzten Attacken erneut im Alleingang das Regenbogentrikot. Er hatte nach über 268 km in der Innenstadt von Leuven noch genügend Vorsprung, um seine erfolgreiche Titelverteidigung auf den letzten Metern ausgiebig zu bejubeln.

"Als ich hier ankam, hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich mit diesem Trikot abreisen würde", freute sich Alaphilippe über die erste Titelverteidigung eines französischen Fahrers in der 100-jährigen Geschichte der Strassen-WM. "Ich habe mich den ganzen Tag über gut gefühlt. Ich musste angreifen, ich wollte nicht auf den Sprint warten", begründete der erste Doppelweltmeister seit Peter Sagan (2015 bis 2017) seine Taktik.

Belgier geschlagen

32 Sekunden hinter Alaphilippe gewannen der Niederländer Dylan van Baarle und der Däne Michael Valgren im Spurt einer Vierergruppe Silber und Bronze. Lokalmatador Jasper Stuyven wurde als Bester des hoch gehandelten belgischen Teams undankbarer Vierter.

Während Topfavorit van Aert, der als Elfter über eine Minute auf den Sieger verlor, nicht den besten Tag erwischte, versuchte Evenepoel sein Glück früh als Ausreisser, wurde im Finish auf dem technisch anspruchsvollen Stadtkurs in Leuven aber schliesslich durchgereicht. Mit seiner offensiven Fahrweise sorgte der 21-jährige Wunderknabe immerhin für ein animiertes Rennen - für ihn natürlich kein Trost.

Hirschis Sturz

Die Schweizer spielten auf dem hügeligen Klassiker-Kurs in Flandern nur eine Nebenrolle. Ein Exploit wollte dem Sextett von Swiss Cycling diesmal keiner gelingen, nachdem Stefan Küng 2019 und Marc Hirschi im Vorjahr jeweils Bronzemedaillen gewonnen hatten.

Hirschi musste seine Hoffnungen früh begraben. Für den Berner war das Rennen nach einem Sturz bereits vor Rennhälfte zu Ende. Er war abseits der Kameras nach einem Positionskampf mit zwei anderen Fahrern in einer unübersichtlichen Kurvenkombination zu Fall gekommen. Dabei zog sich der Aufsteiger der letzten Saison heftige Schrammen an Knie und Ellbogen zu. Dies hinderte ihn allerdings nicht an der Weiterfahrt. So aber der Pneu seines Vorderreifens, der beim Aufprall beträchtlichen Schaden erlitt.

Doch Hirschi eilte niemand zur Hilfe. Auch weil von der Rennjury über das Radio keine Meldung über den Zwischenfall erfolgte, fuhr das Begleitauto mit Nationaltrainer Michael Albasini und dem Mechaniker fataler Weise am Schweizer vorbei. "Wir wurden nach einem Sturz aufgehalten und versuchten so schnell als möglich wieder aufzuschliessen. Als wir wieder zum Feld aufgeschlossen haben, sahen wir Silvan Dillier fuchtelnd", beschrieb Albasini die unübersichtliche Situation. Erst dann hätten sie vom platten Reifen Hirschis erfahren.

Da war es natürlich längst zu spät. Geholfen hätte in diesem Fall auch ein Team-Funk, doch dieser ist an Weltmeisterschaften nicht erlaubt.

Küng bester Schweizer

Während Hirschi, der sich zuletzt in guter Form gezeigt hatte, das Rennen entnervt aufgeben musste, verfügten die Schweizer mit Küng noch über einen zweiten Trumpf. Der Thurgauer hielt im stark verkleinerten Feld lange Zeit gut mit, ehe er rund 60 km vor dem Ziel den Anschluss an die Spitzengruppe verlor. Als Alaphilippe an einem der insgesamt 42 zu befahrenden Hellingen - diesen ruppigen, kurzen Rampen - mit einem seiner zahlreichen Angriffen eine Selektion herbeiführte, war es um Küng geschehen.

"Mir fehlte extrem wenig, um dort mit den Besten mitzufahren. Ich war im entscheidenden Moment ein paar Positionen zu weit hinten. Das ist sehr ärgerlich, weil danach das Rennen für mich gelaufen war", resümierte Küng, der sich mit gut sechseinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger als bester Schweizer im 41. Rang klassierte. Zeitlich mit Küng erreichte auch Dillier als 45. das Ziel. Fabian Lienhard wurde mit einer Viertelstunde Rückstand als 63. gewertet. Michael Schär und Stefan Bissegger gaben das Rennen wie Hirschi auf.

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