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Klimaflüchtlinge im eigenen Land: Pakistan hat schon jetzt viele Probleme wegen der Erderwärmung

Sie verbrauchen pro Kopf wenig Energie – und spüren die Folgen des CO2-Ausstosses dennoch heftig. Interview mit einer Pakistanerin, die sagt, die Landbevölkerung soll dafür entschädigt werden, dass Privilegierte wie sie selbst in Sicherheit arbeiten können.

Der Abschlussbericht der Klimakonferenz enthält diverse Schlupflöcher, um weiter fossile Energien zu verbrauchen. Das betonte auch Klimawissenschafter Reto Knutti gestern gegenüber CH Media. Vieles bleibt vage. Vielleicht sind die Verhandlungspartner in Dubai schlicht zu wenig betroffen, um die Dringlichkeit zu spüren.

Anders ist das bei der Pakistanerin Arjumand Nizami, Expertin im Bewirtschaften natürlicher Ressourcen. Vielerorts in Pakistan herrscht ein unwirtliches Klima mit starken Extremen: Kälte im Winter, unerträgliche Hitze im Sommer und mancherorts kaum Niederschlag. Ausser der Regen kommt sintflutartig wie 2022, als Pakistan von einer katastrophalen Überschwemmung heimgesucht wurde.

Im Land, das sich von 8000 Meter hohen Bergen bis zum Arabischen Meer hinunter erstreckt, macht der Klimawandel nun alles noch extremer: Nach Hitzeperioden wie im Sommer 2022 entsteht dann extrem niedriger Luftdruck und mehr Feuchtigkeit strömt ins Land. 2022 wurden die Monsun-Tiefs aus dem Golf von Bengalen bis in den Süden von Pakistan gesogen. Die Tiefs entstehen zudem häufiger bei hohen Wassertemperaturen im Ozean.

Ausserdem führt die globale Erwärmung auch zu starker Gletscherschmelze. Überschwemmungen wie auch extreme Hitze werden immer wahrscheinlicher. Wie geht man damit um? Wir erreichen Arjumand Nizami in ihrem Büro in Islamabad im Norden Pakistans. Tagsüber ist es noch angenehme 18 Grad warm, nachts 11 Grad kühl. In den Bergen liegt Schnee.

Sie haben als Direktorin von Helvetas in Pakistan die Klimakonferenz verfolgt. Wie ist die Konferenz für Sie verlaufen?

Arjumand Nizami: Wir machten Fortschritte mit der Einrichtung des Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste und bezüglich der nachhaltigen Landwirtschaft. Das waren wichtige Meilensteine. Ich hoffe, es wird auch umgesetzt. Unbedingt auch im Privatsektor, denn in manchen Ländern hat dieser ein höheres Budget als das ganze Land. Die Versprechen sind jedes Jahr gross.

Stimmt es, dass nur wenig des versprochenen Geldes in den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Ländern ankommt?

Das stimmt absolut. Bei der heftigen Überschwemmung 2022 in Pakistan wurde viel Geld versprochen, aber es kam nie an.


Wie kann man verhindern, dass das Geld nicht auf Regierungsebene versandet oder gar nie gesendet wird, weil man der Regierung nicht traut?

Es kommt darauf an, von welchem Geld wir sprechen. Zum Beispiel Geld aus Fonds, wie dem für klimabedingte Schäden und Verluste, sollte auch für NGOs zugänglich sein, nicht nur für UN-Organisationen. Denn in grossen multilateralen Organisationen geht leider intern teils Geld verloren.

Gibt es Anzeichen, dass das möglich wird?

Noch nicht. Bei den bilateralen Geldern, wie den Vereinbarungen der Schweiz mit Pakistan, ist das einfacher. Lokale Organisationen können relativ einfach Anträge stellen. Aber bei internationalen Fonds ist das unglaublich kompliziert. Beim Green Climate Fonds zum Beispiel braucht es vier bis fünf Jahre, um ein Projekt über die Ziellinie zu bringen. Ich fürchte, das wird auch beim Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste wieder so geschehen – dabei können wir nicht warten: Die Massnahmen, die helfen, künftige Überschwemmungen oder Dürren zu überstehen, müssen jetzt umgesetzt werden.

Was ist seit der Überschwemmung gemacht worden?

Nicht genug. Wir bekamen zuerst viel Hilfe von NGOs. Die Überschwemmung ereignete sich in einer Zeit, als Pakistan am Rand des wirtschaftlichen Bankrotts stand. Jetzt ist es nur wenig besser. Mündliche Versprechen gibt es mittlerweile viele, aber wenig wird wirklich getan.

Wie reagiert die Bevölkerung darauf? Wissen sie, dass sie ihr Leben selbst dem Klimawandel anpassen müssen?

Das Wissen verbreitet sich auf jeden Fall. Helvetas ist da mit dabei: Auf lokaler Ebene müssen kleine Schritte unternommen werden, um speziell die Landwirtschaft zu verbessern – 60 Prozent unseres Bruttoinlandproduktes kommen aus der Landwirtschaft. Viele Arbeitsplätze hängen davon ab. Aber nicht nur das: Es geht auch um die Verhinderung von Hunger. Und es geht um Einnahmen, die zum Beispiel mit dem Reisexport gemacht werden können.

Betroffene der Hochwasserkatastrophe von 2022 warten im November 2023 vor einem Medizinischen Zentrum. Zwei NGOs (IRC und HEADS) errichteten diese, weil es vermehrt zu Allergien und Malariaausbrüchen gekommen war.  
Sood Rehman / EPA

Wird manches nicht mehr angebaut werden können?

Pakistan ist ein grosses Land mit verschiedenen Klimazonen, wo viele unterschiedliche Pflanzen wachsen. Aber es geht immer um Wasser: Aprikosen, Kirschen und Äpfel im Norden müssen Wasser erhalten, auch wenn das Schmelzwasser der Gletscher weniger wird. Beim Reis dasselbe: Helvetas bringt Bauern bei, wie sie Reis mit 40 Prozent weniger Wasser anbauen können, sodass mehr Wasser für andere Landwirtschaft übrig bleibt. Gleichzeitig fällt immer öfter in kurzer Zeit zu viel Regen im Sommer und zum Herbstbeginn. Wir müssen das Wasser rund ums Jahr besser regulieren. Dazu braucht es neue Infrastruktur, die das Wasser zurückhält.

Wasser kann man stauen und regulieren, aber die Hitze ist einfach da. Die Prognosen sagen, dass es zu tödlichen Hitzewellen kommen wird.

Ich habe noch nie eine solche Hitze in den Bergen erlebt wie im Juni 2022 vor den Überschwemmungen. Das war beängstigend.

Denken Sie, die Leute werden vor der Hitze flüchten innerhalb Pakistans oder sogar in andere Regionen und Länder?

Pakistanerinnen und Pakistaner sind jetzt schon Arbeitsmigrierende in viele Länder. Natürlich wird die Klimaerwärmung den wirtschaftlichen Druck verschärfen und dadurch die Arbeitsmigration begünstigen. Aber aktuell ist es innerhalb des Landes akut, da leben die Flutopfer von 2022 noch immer in temporären Unterkünften.

Fliehen die Leute vor der Hitze in den Norden?

Bei Überschwemmungen flüchten die Leute eher in den Süden. Eine Tradition ist die Migration im Winter: Die Familien und Clans kommen ins Flachland, wie saisonale Nomaden. Bei Dürren zieht die Bevölkerung, die ihr Vieh ernähren will, ebenfalls in andere Gebiete, zum Beispiel weg von der Küste. Das Ausmass dieser Umsiedelungen wird immer grösser. Zudem müssen wir unser Verhalten anpassen: Bei extremer Hitze sollten Gemüseverkäufer oder Landarbeiter nicht draussen sein. Die Routine muss ändern, die Bekleidung, das Wissen über Hitzschläge. Solche Informationen werden bereits zum Beispiel übers Fernsehen verbreitet. Der Süden ist von der globalen Erwärmung stark betroffen, obwohl es nicht unsere Schuld ist. Pakistan leidet unter den Fehlern anderer.

Werden die Leute wütend deswegen?

Ja, die Menschen werden sich dessen bewusst. Selbst ganz einfache Leute sagen: Wir haben dazu nichts beigetragen! Gleichzeitig steigt auch bei uns die Zahl der Autos und Lastwagen, die von China her Güter bringen.

Pakistan verursacht bloss 0,9 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses…

Das stimmt zwar, aber hier müssen wir ebenfalls ansetzen. Wir wollen den Methan-Ausstoss auf den Reisfeldern verringern. Das sollte uns von den reichen Ländern des globalen Nordens, welche einen grösseren CO2-Ausstoss haben, vergütet werden. Das hilft uns, die Armut zu reduzieren.

Gibt es Klimademonstrationen in Pakistan?

Ja, viele. Besonders nach den Überschwemmungen, als es zuerst einmal darum ging, dass die Leute nicht genug zu essen hatten und hungerten. Die Hilfe erreichte sie spät. Wir haben auch Proteste wegen Stromausfällen und steigenden Energiepreisen. Das könnte man ein wirtschaftliches Desaster nennen – aber es hängt mit den schrumpfenden Ressourcen im Land aufgrund des Klimawandels zusammen. Wir sind Opfer, sowohl des Klimawandels mit zunehmenden Naturkatastrophen als auch einer schlechten Regierung.

Steigender Wohlstand führt immer auch zu einem grösseren CO2-Ausstoss. Wie kann das verhindert werden?

Das kann jedenfalls kein Argument sein, die Armut nicht zu bekämpfen. Die technologischen Entwicklungen müssen auf kluge Art ablaufen, sodass sie das Klima möglichst wenig belasten und den Ausstieg aus den fossilen Energien ermöglichen: effizienter, um Wasser und Chemie zu sparen, mehr digitale Kontrolle, mehr erneuerbare Energien und ohne dass mehr Land genutzt werden muss. Da muss das Geld hin.

Was muss sich noch ändern?

Es braucht die Solidarität zwischen den Ländern, zweifellos – aber es braucht sie auch innerhalb eines Landes. Damit ich hier bequem in Islamabad in meinem Büro arbeiten kann, müssen Bauern auf dem Land Bäume pflanzen, Wälder schützen. Sie verhindern Fluten und Dürren, die mein Leben bedrohen. Das Steuersystem muss so angepasst werden, dass sie dafür belohnt werden.

Wie soll das umgesetzt werden?

Gemeinden in Waldgebieten müssen für Waldschutz belohnt werden. Sie sollen energiearme Infrastruktur wie Öfen und Häuser erhalten, damit der Wald nicht abgeholzt werden muss. Dieses Geld kann von Ländern wie der Schweiz kommen, die ihren CO2-Ausstoss senken wollen.

Der Handel mit CO2-Zertifikaten wird gerade stark kritisiert, weil das Geld nicht wirklich bewirkt, dass Wald dauerhaft geschützt oder aufgeforstet wird.

Das REDD-Programm der UNO für die CO2-Reduktion in Entwicklungsländern halte ich für vertrauenswürdig. Die Länder müssen aber die Verantwortung übernehmen können und auch verantwortlich gemacht werden, das kann die internationale Gemeinschaft nicht verhandeln. Das ist machbar, wenn auch komplizierter und aufwendiger.

Was halten Sie von einem Pro-Kopf-Energie-Guthaben, das von jenen verkauft werden kann, die weniger Energie brauchen, an jene, die mehr wollen?

Das gibt es noch nicht – und es ginge wohl kaum, denn Pakistan hat ein immenses Energiedefizit. Wir brauchen alle Energie, die wir haben. Ich habe meine eigenen Solarzellen installiert wegen der häufigen Stromausfälle. Dennoch: Es gibt viel Raum, um die Energieverteilung gerechter zu machen.