
Topfavorit Joel Wicki: Warum der Schwingerkönig vor dem Eidgenössischen alle Rechnungen bezahlt
Es gibt Stimmen – sie sind meist jenseits des Brünigpasses zu hören –, die sagen, Joel Wicki sei kein König zum Anfassen. Denn dort, im Bernbiet, gebe es ganz andere, volksnahe Monarchen: Christian Stucki, Matthias Sempach oder Ruedi Hunsperger. Präsente und nahbare Figuren, die auch mal für TV-Klamauk oder einen Showkampf zu haben waren.
Es wäre übertrieben zu sagen, Wicki sei seit seinem Titel 2022 zum Medienstar geworden. Falls er sich dann doch einmal einer findigen Idee einer Marketingabteilung fügte, blieben gemischte Gefühle zurück. Für einen seiner Werbepartner liess er sich kürzlich bei einem Streifzug auf seinem Bauernhof begleiten. In Jugendsprache bezeichnete er seine Kühe als «cuties». Er sei «lowkey» eifersüchtig, weil sie «chillen» könnten. Und er nannte sich «the real king of the streets».
Die Worte hätten nicht weiter von seinem Sprachgebrauch entfernt sein können. Die oberste Maxime beim 28-jährigen Schwinger aus Sörenberg ist Demut. Unmittelbar nach seinem grossen Triumph in Pratteln 2022, als er immer noch ausser Atem war, sprach er bereits davon, dass daheim auf dem Bauernhof Arbeit auf ihn warte, dass auch das wichtig sei. Wicki sagte es nicht, um den Traditionalisten zu schmeicheln. Er ging tatsächlich mit dieser Haltung durch die vergangenen drei Jahre. Tierhaltung schien wichtiger, als die Cashcow zu melken.
Am Wochenende bietet sich Wicki nun die Chance, zum zweiten Mal in seiner Karriere den Königstitel zu gewinnen. Viele Experten sehen in ihm den Topfavoriten. Trotzdem sind von Wicki keine grossen Töne zu vernehmen. Vor kurzem erschien er bei der Kleiderabgabe des Innerschweizer Verbands in einer Turnhalle auf dem Kerenzerberg, einem Hochplateau ob Mollis. Und dort legte er sich folgenden Satz zurecht: «Man kann sagen …, wenn man mit dieser Form ans Eidgenössische kommt, kann es sein …, dann kann alles passieren.» Das ist eher Wicki-Sprache. Demut zeigen, Bodenkontakt behalten. Nichts von «king of the streets».
Das sind die grössten Herausforderer des amtierenden Königs

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Der Neustart im Juni
Vor wenigen Monaten gab Joel Wicki noch ein anderes Bild ab. Anfang Mai liess er sich beim ersten grossen Schwingfest im Schlussgang auf den Rücken legen. Der Zuger Marcel Bieri zeigte dem König beim Schwyzer Kantonalen den Meister. Weil Wicki bereits im Vorjahr beim Innerschweizer Verbandsfest gegen Bieri verloren hatte, war da und dort von einem Angstgegner zu lesen. Wie sollte das bloss gut kommen am Eidgenössischen, wenn der König schon im eigenen Verband Angstgegner hat?
Wicki blieb während der ersten Tranche der Saison blass. Und als es in die Berge ging, wo die Schwingfeste kleiner und besser besetzt sind, fehlte er. Für den Stoos-Schwinget musste er Forfait geben wegen einer Knieverletzung, die er sich Anfang Juni im Training zuzog. Die Ärzte waren sich nicht sicher, ob man einen Eingriff riskieren sollte in dieser so wichtigen Saison. Aber Wicki drängte darauf und setzte sich durch.
Die Operation am Knie war eine willkommene Zäsur. Das System Wicki wurde runtergefahren und neu gestartet. Er konnte durchatmen. «Ich war plötzlich wie ein normaler Mensch, ich hatte am Abend keine Verpflichtungen», sagt er. Normalerweise gönnt er sich 20 Minuten für das Abendessen, bevor er um 18.30 Uhr ins Training fährt. «Jetzt konnte ich mit der Freundin gemütlich auf der Terrasse sitzen und Znacht essen.»
Von daheim schaute er den Kollegen im Sägemehl zu. Und sie taten sich etwas schwer. Ohne ihren König mussten sie beim Bergfest auf dem Stoos eine Niederlage hinnehmen. Die starken Berner Gäste, angeführt von Königskandidat Fabian Staudenmann, machten auf dem Stoos den Sieg unter sich aus. Wicki sass machtlos zu Hause. «Ich sagte mir: Das kann doch nicht sein, dass der Wicki daheim ist. Und ich fragte mich auch, wie es wohl herausgekommen wäre, wenn ich da gewesen wäre.»
Der Triumph am Sehnsuchtsort
Die Stoos-Niederlage löste etwas aus. Topmotiviert gab Wicki Anfang Juli am Innerschweizer Schwingfest sein Comeback – und legte im Anschwingen sogleich Werner Schlegel auf den Rücken. Auch Schlegel gehört zu den Königsanwärtern. Das Innerschweizer Schwingfest gewann Wicki schliesslich hochverdient.

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Fast noch wichtiger aber in diesem Sommer war sein Triumph auf dem Brünig. Erstmals überhaupt konnte er das prestigeträchtige Schwingfest für sich entscheiden. Schon mehrere Male war er im Schlussgang auf dem Brünig gescheitert. «Ich war schon als kleiner Bub dort oben, dieser Sieg war immer ein Wunsch von mir», sagt er, um sogleich anzufügen: «Aber ich bin jetzt deswegen nicht Königskandidat Nummer 1.»
Und dennoch: Das Momentum spricht in diesem Jahr für Wicki. Hinzu kommt, dass er dem mentalen Druck solcher eidgenössischen Grossanlässe in der Vergangenheit gewachsen war. Wicki sagt: «Ich muss frei sein im Kopf vor solchen Anlässen. Das bedeutet, dass ich auch zu Hause alles erledigt haben will. Jede Mail muss beantwortet sein, jede Rechnung bezahlt, jede Autogrammkarte verschickt.»
Sein Coach sagt: «Das wäre Energieverlust»
Wicki hat also in den vergangenen Tagen reinen Tisch gemacht. Am Freitagmorgen beginnt nun die Mission Titelverteidigung. Ab 8 Uhr wird Wicki noch ein leichtes Training absolvieren: Körper mobilisieren, ein paar Sprints, einige Übungen für die Explosivität. Am frühen Nachmittag fährt er schliesslich mit seinem Betreuer Daniel Hüsler, ebenfalls ein ehemaliger Kranzschwinger, ins Glarnerland. Die beiden besichtigen die Arena und beziehen ihre Unterkunft, ein Haus in unmittelbarer Nähe von Mollis.

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Im 1. Gang trifft Wicki am Samstagmorgen auf den jungen Berner Michael Moser. Die beiden trafen bereits beim Brünig-Schwinget im Anschwingen aufeinander, der Gang endete mit einem Gestellten. Wicki hat mit seinem Betreuer den Gang nochmals «messerscharf» analysiert, wie Hüsler es ausdrückt.
Das anstehende Duell zwischen Wicki und Moser entfachte Diskussionen, weil sie gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstosse. Denn Moser hat zwar eine überragende Saison hinter sich. Der 20-Jährige besitzt aber noch nicht den Status eines Eidgenossen – trotzdem muss er gegen den König antreten. Daniel Hüsler will sich mit solchen Dingen nicht auseinandersetzen. Er sagt: «Das wäre bloss ein Energieverlust. Joel wird acht Gänge bestreiten. Und er wird auch noch auf andere Favoriten treffen.»
Der Fokus gilt wieder einmal den wesentlichen Dingen. Keine Zeit für Klamauk. Das Team Wicki bleibt sich auch vor dem Esaf 2025 treu.