«Ein verschwenderischer Vegetarier fährt immer noch besser als ein sparsamer Fleischesser»

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Protest gegen Einweg-Verpackungen vor dem Nestlé-Hauptquartier in Vevey. © Keystone

Was essen Sie am liebsten?

Jetzt gerade hätte ich grosse Lust auf eine frische Aprikosenwähe.

Sind Sie Vegetarier oder Veganer?

Ich esse vorwiegend pflanzliche Produkte. Wenn ich jedoch weiss, dass ein Stück Fleisch von einem Tier stammt, das ein artgerechtes Leben geführt hat und mit Bio-Futter ernährt wurde, dann mache ich selten auch Ausnahmen.

Fällt Ihnen der Verzicht auf tierische Produkte schwer?

Was Fleisch betrifft, überhaupt nicht. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der wenig Fleisch gegessen wurde; und zudem habe ich es nicht besonders gerne. Was ich hingegen gelegentlich vermisse, sind Milchprodukte, besonders ein gutes Stücke Käse.

Vegetarisch oder vegan zu essen ist mit einem grossen Aufwand verbunden. Kochen Sie selbst?

Mein Aufwand hält sich in Grenzen. Ich lebe in einer WG, da kochen wir meist gemeinsam.

Wie sind Sie auf das Thema Foodwaste gestossen?

Ich wollte unbedingt eine Masterarbeit machen, die einen Bezug zur Praxis hat. Foodwaste war vor rund acht Jahren zwar ein Thema, aber es gab kaum vernünftige Fakten dazu. Daher hat mich das Thema gereizt.

Heute spricht man davon, dass fast die Hälfte aller Nahrungsmittel fortgeschmissen wird. Stimmt das?

Wenn man die unessbaren Teile wie Knochen und Bananenschalen ausklammert, ist es rund ein Drittel.

Wie lässt sich das messen?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Ein Kollege an der Universität Basel hat die Menge der Kalorien, die in der Schweiz erzeugt und importiert werden und diejenigen, die verbraucht werden, erfasst und die Differenz ermittelt. Ich habe mich bei Bauern, Metzgern, Restaurants umgeschaut und gewogen oder geschätzt, was konkret im Abfall landet und diese Daten dann hochgerechnet.

Sind die Ergebnisse vergleichbar?

Ja, sie liegen erstaunlich nahe beieinander.

Foodwaste ist heute in aller Munde, weil die Klimaerwärmung definitiv im Mainstream angekommen ist. Aber welchen Einfluss hat Foodwaste auf das Klima?

Einen sehr grossen. Rund ein Drittel der CO2-Erzeugung entfällt auf die Nahrungsmittelproduktion. Das ist ähnlich viel wie der Verkehr.

Spielt es dabei eine Rolle, ob wir uns vegetarisch ernähren oder Fleisch essen?

Ja, der Unterschied ist gewaltig. Was CO2 betrifft entsprechen 100 Gramm Fleisch etwa fünf Kilo Kartoffeln. Ein etwas verschwenderischer Vegetarier fährt bezüglich Umwelt also meist immer noch besser als ein sparsamer Fleischesser.

Warum verschwenden wir so viel Lebensmittel?

Der Hauptgrund ist wohl, dass wir es uns leisten können. Durchschnittlich geben wir bloss rund sieben Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Deshalb gehen wir viel weniger sorgfältig damit um als unsere Vorfahren.

Spielt es eine Rolle, dass der Anteil der Single-Wohnungen vor allem in den Städten massiv angestiegen ist?

Auf jeden Fall. Der wichtigste Anteil des Foodwaste entfällt auf die privaten Haushalte. Bei Einpersonenhaushalten ist es gemäss englischer Studien schwieriger, Foodwaste zu vermeiden. Dazu kommt, dass wir in Sachen Ernährung sehr unregelmässig geworden sind. Einmal essen wir zuhause, dann wieder im Restaurant oder bei Takeaway. Das macht es schwierig, Resten sinnvoll zu verwerten.

Spielt es eine Rolle, dass immer weniger Menschen selbst kochen können?

Ja. Wer selbst stundenlang Salat gerüstet und Gemüse geschält hat, der wird weniger geneigt sein, die Resten gedankenlos in den Abfall zu werfen. Er weiss, welchen Aufwand dahinter steckt.

Wie steht die Schweiz bezüglich Foodwaste im internationalen Vergleich da?

Es gibt zwischen den Ländern keine grossen Unterschiede in der Gesamtmenge. In den armen Ländern verderben aber mehr Nahrungsmittel am Anfang der Lebensmittelkette, beispielsweise weil sie unsachgemäss gelagert sind. In den reichen Ländern wird mehr in Haushalten und Restaurants verschwendet.

Was können wir tun, um diese Verschwendung zu vermindern?

Wir können alle etwas tun, z.B. nur so viel einkaufen wie wir essen, Produkte übersichtlich lagern und Resten kreativ verwerten. Zudem können wir direkt auf dem Markt oder beim Bauern einkaufen und mehr saisonal und lokal essen. Kurze Wege vermeiden Food Waste. Ich persönlich führe Workshops durch, z.B. wo Profis den Teilnehmern beibringen, wie sie selbst die Rüebli-Schalen verwerten können. Oder wir klären Schüler über den Wert und die Bedeutung von Nahrung auf.

Bringt das etwas, wenn man Primarschüler belehrt?

Es geht nicht um belehren, sondern darum, Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu wecken. Die Resonanz ist erstaunlich gut.

Reicht Aufklärung oder braucht es Verbote?

Grundsätzlich befürworte ich es, wenn freiwillige Anreize gesetzt werden. Angesichts der sich verschlimmernden Klimaerwärmung kommen wir jedoch auch um Verbote nicht herum.

Woran denken Sie konkret?

In Frankreich müssen Detailhändler nicht verkaufte Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen abgeben. Damit stellt sich für den Laden nicht mehr die Frage, ob es sich lohnt oder ob die Konkurrenten besser fahren, weil es einfach alle machen.

Beim CO2 haben wir uns genau definierte Ziele gesteckt. Gilt dies auch für Foodwaste?

Die Schweiz will bis zum Jahr 2030 den Anteil an Foodwaste halbieren. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, aber es ist ein wichtiger Baustein, um die Klimaziele zu erreichen.

Ist es auch realistisch? Die Mehrheit von uns verspürt noch kaum einen Leidensdruck.

Foodwaste ist ein idealer Einstieg, um über massvollen Konsum nachzudenken. Essen muss jeder Mensch, und wenn wir erkennen, wie unsinnig wir Lebensmittel verschwenden, dann wird uns vielleicht bewusst, dass es es auch in anderen Lebensbereichen mehr ums gesunde Mass geht als um möglichst grosse Mengen. Wenn wir merken wie es uns glücklicher macht, wenn wir uns bewusst etwas gönnen anstatt immer mehr zu konsumieren, dann werden wir die Klimakrise überwinden.

Dr. Claudio Beretta (34) forscht an der ETH Zürich über Foodwaste. Er wird am 3. September als Referent am 7. Swiss Green Economy Symposium in Winterthur auftreten.

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