Wochen der Angst und des Schreckens im Jahr 1965/66

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Bis zu 2000 Franken Busse oder vier Monate Gefängnis drohte 1965 dem, der sich den seuchenpolizeilichen Anordnungen widersetzte. Bilder: Archiv
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Das Seuchenauto holt die Tiere zur Schlachtung ab.
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Social distancing anno 1966.
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Archivbild
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«Wir hatten zwar Milchvieh, aber Glück und unser Hof war von der Maul- und Klauenseuche nicht betroffen.» Walter Glur Meisterlandwirt und Zeitzeuge

Ob bei Menschen oder Tieren: Verheerende Seuchenwellen gab es immer wieder . Vor 55 Jahren wurden in England Scheiterhaufen in Brand gesetzt, um die Kadaver zuvor getöteter Tiere zu verbrennen – in der Schweiz fuhren sogenannte Seuchenautos auf betroffene Höfe, um die Tiere zur Tötung abzuholen. Bilder, die, wenn man sie als Primarschüler gesehen hat, ein Leben lang nicht mehr vergisst. Es war der Winter 1965/1966 und die Maul- und Klauenseuche grassierte. 947 Betriebe schweizweit – mit Schwerpunkt in den Kantonen Bern, Luzern und Aargau waren betroffen. Für die Menschen war die Maul- und Klauenseuche gefahrlos, für Paarhufer – unter den Nutztieren Rindvieh, Schweine, Schafe und Ziegen – verheerend. Details der Qualen ersparen wir uns.

Walter Glur, Meisterlandwirt, ehemaliger SVP-Nationalrat und Vorstandsmitglied landwirtschaftlicher Verbände, kann sich gut an diese Zeit erinnern. Der Glur-Hof stand damals noch in Oftringen, wo er später der Autobahn weichen musste. «Wir hatten zwar Milchvieh, aber Glück und waren nicht betroffen», sagt Glur, der im April 77 Jahre alt wird. Er sah auch andere Schicksale – Bauernfamilien, deren Höfe auch nach dem Abtransport der Tiere für Wochen Sperrzone blieben, deren Kinder nicht mehr zur Schule gehen durften.

In Brittnau unterrichtete damals Fräulein König 91 Kinder der 1. und 2. Klasse in einem Schulzimmer. «Wir hatten wegen der Maul- und Klauenseuche eine Woche zusätzliche Ferien», erinnert sie sich. Fräulein König ist die heutige Annalise Glur, Gattin von Walter und ehemalige Bezirksrichterin.

Massive Verbreitung entlang der Verkehrsachsen

Die ersten Fälle traten entlang von Bahnlinien auf der Nord-Süd-Achse auf. Laut dem Schweizer Archiv für Tierheilkunde äusserte man deshalb den Verdacht, «dass aus den vorbeifahrenden Viehtransportzügen zwischen Holland und Italien Saft tropfte und die Erreger so unser Vieh ansteckten». Plötzlich aber auch die Feststellung, dass im Aargau oder im Kanton Luzern die Seuche verstärkt entlang der Hauptstrassen auftritt. Übertragen wurde sie durch den Menschen und dessen Mobilität.

Das «Primeli» und die kalbende Kuh

Der landwirtschaftlichen Bevölkerung wurde die Teilnahme an Anlässen und Reisen untersagt. Metzger, Viehhändler, Klauenschneider und Hausierer durften landwirtschaftliche Gehöfte nicht mehr betreten. In ländlichen Gegenden wurden die Strassen an den Dorfeingängen mit breiten Sägemehlstreifen versehen, die mit Natronlauge durchsetzt waren.

Wenn in einem Stall der Verdacht auf Maul- und Klauenseuche bestand, kam der Amtstierarzt. Wurde die Seuche diagnostiziert, geriet der Hof sofort unter eine Sperre. Als Nächstes kamen die Viehschätzer der Kantone zur Bemessung des Schadens auf den Hof. Sie bewegten sich in speziellen Schutzanzügen, die nachher peinlich genau zu desinfizieren waren. Entschädigt wurde zwischen 60 und 80 Prozent des Werts.

Dann fuhr das Seuchenauto auf den Hof, um die Tiere zur Tötung abzuholen. Wie das vor sich ging? Grauenhaft. Zeitzeuge Res Christen schilderte dies gegenüber der «Bauernzeitung» so: An Heiligabend wurden die Tiere abgeholt – auch eine Kuh, die gerade am Kalben war. «Halt der Wagen ist voll, befahl der Verlader – es geht nur noch ein kleines Stück.» Dieses hiess «Primeli» und war ein kleines Kälbchen. Die Schlachthöfe waren rasch überfordert. Bis 31. März 1966 wurden 33 020 Schweine, 18 449 Stück Rindvieh sowie 312 Schafe und Ziegen notgeschlachtet. Mithelfen mussten Formationen des Militärs.

Genügend Impfstoff stand bereits am 15. Dezember 1965 bereit – aber wie den gesamten Schweizer Rindviehbestand von damals 1,7 Millionen Stück rasch durchimpfen? Dank eines ausserordentlichen Einsatzes der Tierärzte kam man sehr weit und konnte die Weiterverbreitung der Seuche stoppen. Ein grosses Problem stellte das Durchimpfen der riesigen Schweinebestände im Luzerner Hinterland dar. Noch heute ist der Kanton bei der Schweinefleischproduktion top. Die Maul- und Klauenseuche gilt dank Impfung als besiegt. Doch dann tauchte die Infektiöse Bovine Rhinotracheitis (IBR-IPV) – auch Buchstaben-Krankheit genannt – auf. Der «Rinderwahnsinn», die Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) dürfte noch allen im Gedächtnis sein. Auch bei diesen Seuchen mussten immer wieder ganze Viehbestände geschlachtet werden.

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