Christine Egerszegi: «Ich bin überzeugt, Politik kann nicht nur von Männern gemacht werden – aber eine Frauenquote engt ein»

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Die jetzige Regierung sei ein Intermezzo, sagt Christine Egerszegi. © Chris Iseli

Am 7. Februar 1971 haben die Schweizer Ja gesagt zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Christine Egerszegi war damals bereits 22 Jahre alt und politisch nicht interessiert. Und doch wurde sie 2007 zur Pionierin, als sie als erste Aargauerin in den Ständerat gewählt wurde. Ungerechtigkeiten hat die Mellingerin politisiert, den Kampf für mehr Gerechtigkeit führte sie als Stadträtin ebenso wie als Nationalratspräsidentin. Wir trafen Christine Egerszegi auf der AZ-Redaktion, um über Frauen in der Politik, die FDP und die Herausforderungen für den Aargau zu reden.

Als die Abstimmung zum Frauenstimmrecht stattfand, waren Sie 22 Jahre alt – Ihre gleichaltrigen Kollegen durften seit zwei Jahren wählen. Hat Sie das gestört? 

Christine Egerszegi: Offen gesagt war ich gar nicht politisch interessiert. Meine Mutter hingegen schon. Als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, hat sie mich an die Gemeindeversammlung in Baden geschleppt. Das hat mich nur gelangweilt.

Haben Sie an den Parlamentswahlen 1971 teilgenommen?

Nein, diese gingen an mir vorbei.

Tatsächlich dauerte es ein paar Jahre, bis Sie politisch wurden. Wie kam es dazu?

Als ich Anfang der 1980er-Jahre Leiterin der Musikschule von Mellingen war, wurde mein Antrag auf Lohnfortzahlung für Musiklehrkräfte bei Krankheit vom Stadtrat mit der Begründung abgelehnt: «Weil es bisher so gut funktioniert hat, lassen wir es, wie es immer war.» Dieser Satz hat mich politisiert. Das dreifache Politikermantra provoziert mich noch heute. Es heisst: 1. Es ist so, weil es immer so war. 2. Es ist so, weil es noch nie anders war. Oder 3. Es ist so, sonst könnte ja jeder kommen.

Bereuen Sie, dass Sie erst spät in die Politik eingestiegen sind?

Nein, denn ich hätte in jüngeren Jahren weniger bewegen können, weil ich noch nicht die Erfahrung hatte. Ich habe mich lange nicht interessiert, dann aber die Ochsentour von Stadtrat bis Ständerat gemacht. Am allermeisten gelernt habe ich im Stadtrat.

Was zum Beispiel?

Es braucht gute Vorbereitung, Transparenz und die Offenheit, auch ausserhalb der Parteipolitik gemeinsame Lösungen zu suchen. Deshalb hat mir der Ständerat, das Gremium der Kantonsvertreter, sehr entsprochen.

Wie sind Sie zur FDP gekommen?

Mein Mann war Mitglied der FDP, er hat mich an eine Parteiversammlung mitgenommen.

Warum brauchte es für Sie, die nicht politisch interessiert war, überhaupt eine Partei?

Mein Mann fand, dass meine Anliegen in den Gremien mit Unterstützung durch Parteikollegen mehr Chancen hätten. Ich sage das heute auch zu den Jungen: Ihr müsst für Eure Anliegen Verbündete finden, ein «Leibchen» anziehen. Aber wählt eines, das euch Bewegungsfreiheit lässt.

Hat Ihnen das FDP-Leibchen denn gepasst?

Es liess mir Bewegungsfreiheit. Aber wie man dann gesehen hat, habe ich den Reissverschluss nie ganz geschlossen...

Ihnen wurde tatsächlich öfters gesagt, Sie seien eher eine Linke...

Ich war immer engagierte Sozialpolitikerin. Ein gesichertes Alter, Hilfe bei Invalidität, Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit: Das sind doch nicht einfach linke Anliegen. Die Sozialwerke werden finanziert von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen. Deshalb braucht es Kompromisse. Übrigens, in der Bundesverfassung steht: «Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen». Darauf haben alle den Eid abgelegt, von links bis rechts.

Ist die FDP aus Ihrer Sicht heute eine andere Partei als damals?

Ich denke, bei Franz Steinegger war die Partei breiter aufgestellt. Seither haben sich die Grünliberalen abgespalten.

Sie waren nur kurz, als Sie frisch im Nationalrat waren, in der Geschäftsleitung der FDP Schweiz. Warum blieben Sie nicht?

Ich habe mich für die Trennung der IV von der AHV stark gemacht, denn solange ihr Defizit einfach aus dem AHV-Fonds gedeckt wurde, war es unmöglich, dieses Sozialwerk zu sanieren. Der separate IV-Topf brauchte zum Start befristet 0,4 Mehrwertsteuerprozente. Das hat die damalige Parteileitung abgelehnt, und dazu eine Medienkonferenz abgehalten. Da ich vom Geschäft überzeugt war, gab ich als Ressort­verantwortliche dieses Amt zurück.

Wäre die FDP immer noch Ihre Partei, wenn Sie von vorne beginnen könnten?

Ja, ich habe mich bei den Freisinnigen Frauen immer sehr wohl gefühlt.

Aber Sie haben bei der Regierungsratsersatzwahl 2019 die Kandidatin der Grünliberalen, Doris Aebi, unterstützt und nicht die FDP-Kandidatin Jeanine Glarner.

Ich war lange mit Doris Aebi im Fachhochschulrat der Fachhochschule Nordwestschweiz und habe ihr dieses Amt voll und ganz zugetraut. Ihr Mann war FDP-Präsident von Schöftland und beide haben mich in meinen Wahlkämpfen freundschaftlich unterstützt.

Ein Jahr später waren Sie im Unterstützungskomitee der Regierungsratskandidatin der Grünen, Christiane Guyer. Klar mit der Ansage, es brauche eine Frau in der Regierung.

Ja, gemischte Teams arbeiten besser.

Was sagen Sie über die jetzige reine Männerregierung im Aargau?

Ich bin voll überzeugt, Politik kann nicht nur von Männern gemacht werden, aber auch nicht nur von Frauen. Es braucht in allen Gremien beide Erfahrungshintergründe. Ich hoffe, dass es bei der nächsten Vakanz in der Aargauer Regierung eine Veränderung gibt.

Ist diese Regierung ein Rückschritt?

Ich würde sagen, sie ist ein Intermezzo.

In vier Jahren ist also alles wieder anders?

Jetzt sind vor allem die Parteien gefordert. Man kann nicht einfach eine mehrheitsfähige Kandidatin aus dem Ärmel schütteln. Das muss man planen.

War denn Christiane Guyer nicht mehrheitsfähig?

Die Tatsache, dass Guyer verschiedentlich keine Chance gegeben wurde, zeigt doch, dass es immer noch eine Rolle spielt, ob ein Mann oder ob eine Frau kandidiert. Ein Mann mit den Voraussetzungen von Guyer – sie hat mehrjährige Exekutiv- und Führungserfahrung in einer kantonalen Verwaltung – hätte es leichter gehabt.

Sind Frauen- und Männerkarrieren noch immer so unterschiedlich?

Sie verlaufen anders. Männer machen über den Militärdienst früh Erfahrungen mit Hierarchien und bauen sich ein Netzwerk auf. Zu meiner Zeit hatten sie oft auch mit den Service-Clubs ein Machtnetz hinter sich. Familienfrauen haben dafür Erfahrungen und Fähigkeiten, die ihren Kollegen häufig fehlen. So habe ich immer wieder erfahren, dass sie sich sehr rasch auf neue Situationen einstellen können. Diese innere Flexibilität ist eine wichtige Eigenschaft in jedem Job.

Diese klassischen Strukturen verwischen immer mehr. Kommt damit mehr Gleichberechtigung?

Es darf auch Unterschiede geben, aber Gleichwertigkeit muss in den Köpfen eine Selbstverständlichkeit sein.

Sind Sie deswegen gegen Frauenquoten?

Ich finde, dass Quoten einengen.

Sie waren während vier Jahren im Ständerat mit Pascale Bruderer eine reine Frauenvertretung für den Aargau. War das ein Thema?

Sehen Sie, eine Quote lässt eigentlich keine reine Frauenvertretung zu. Die Aargauer Bevölkerung hat 2011 zwei verschiedene Frauen für ihre Standesvertretung gewählt. Wir haben ausserordentlich gut zusammengearbeitet, uns regelmässig vom Regierungsrat informieren lassen und so die Bedürfnisse des Kantons wirkungsvoll einbringen können.

Damals waren Sie in der Verkehrskommission. Wie hat das gepasst?

Ich hatte zu Verkehrsfragen nie den gleichen Zugang wie zur Sozialpolitik. Aber sie sind für den Aargau sehr wichtig. Und ich konnte einiges erreichen. Dass der Bau des Eppenberg-Tunnels vorgezogen wurde, geht auf einen Vorstoss von mir in der Verkehrskommission des Ständerates zurück. Er wurde dann von allen Kollegen der Nordwestschweiz unterstützt.

Ihr erster Vorstoss im Nationalrat war aber eine Motion zur Lückenschliessung im Mutterschutz. Sie haben sich rasch mit den Anliegen der Frauen beschäftigt. Warum?

Die sozialen Themen betreffen alle Menschen, nicht nur die Frauen. Ich habe als Stadträtin in Mellingen, direkt bei den Menschen, die Herausforderungen des Alltags erfahren und danach versucht, Verbesserungen anzustreben, etwa mit der Finanzierung der Pflegekosten, einer sicheren Altersvorsorge, einer verlässlichen Familienpolitik.

Stadträtin war Ihr einziges Exekutivamt. Hätte Sie, als Sachpolitikerin, der Regierungsrat nie gereizt?

Das hat sich einfach nicht ergeben.

Und der Bundesrat?

Dafür habe ich fraktionsintern kandidiert als Kaspar Villiger zurückgetreten ist. So konnten wir in der Ausmarchung Fraktionspräsidentin Christine Beerli ins Rennen schicken.

Aber interessiert hätte das Amt Sie?

Mein Mann war in dieser Zeit schwer krank, das wäre schwierig geworden. Meine interne Kandidatur hat aber dazu geführt, dass ich Nationalratspräsidentin wurde. Das war eine interessante Erfahrung, vor allem die aussenpolitischen Begegnungen. Dass das Frauenstimmrecht in anderen Ländern länger selbstverständlich war, habe ich oft gespürt.

Inwiefern?

Für mich war es noch immer eine Errungenschaft, wenn Frauen bedeutende Posten übernahmen.

Wie haben Ihre ausländischen Kolleginnen reagiert?

Sie haben vor allem darüber gestaunt, dass ich bereits die siebte Nationalratspräsidentin war, obwohl das Frauenstimmrecht erst so spät eingeführt worden ist.

Bei den ersten Parlamentswahlen nach der Einführung wurden aber nur elf Nationalrätinnen gewählt...

...Es ging dann doch crescendo weiter bis zur erfolgreichen Wahl vieler Frauen bei den Wahlen 2019.

Nach der Abwahl von Bundesrätin Ruth Metzler 2003 war der Frust für die Frauen gross. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Wir Frauen haben uns fraktionsübergreifend organisiert, um Themen durchzubringen. Wir haben in dieser Zeit eine Harmonisierung der Familienzulagen bewirkt, die Anstossfinanzierung für Krippen, Geburtshäuser ins KVG aufgenommen und die Pflegefinanzierung vorwärtsgebracht. Das war eine politisch eindrückliche Zeit.

Bald darauf gab es im Bundesrat eine Frauenmehrheit. Was hat diese bewirkt?

Das entscheidendste aus dieser Zeit war die Energiewende, der Beschluss zum Ausstieg aus der Atomenergie.

Für Sie, als Aargauer FDP-Politikerin, war das wohl keine klare Sache.

Nein, denn es geht auch um Arbeitsplätze im Kanton. Ich habe damals geweibelt, dass der Energiekanton Aargau dafür Zentrum für erneuerbare Energien wird. Passiert ist diesbezüglich noch nicht viel, aber ich bin überzeugt, dass das für den Aargau eine Chance wäre.

Wo liegen weitere Chancen?

Der Kanton hat schöne Landschaften und kulturelle Schwerpunkte mit Strahlkraft. Ich bin Präsidentin von ARTA (Alte Reithalle Tuchlaube Aarau). Wir haben die Theatervereine in Aarau zusammengeführt zur Bühne Aarau und eröffnen mit Unterstützung des Kantons und der Stadt im Oktober mit der Alten Reithalle ein Mehrspartenhaus für Theater, Musik, Tanz und modernem Zirkus.

Haben Sie nach der Politik also wieder zurück in die Kultur gefunden?

Der Übergang war fliessend. Ich bin über die Musik in die Politik gekommen und zog mich nach der Annahme des Verfassungsartikels «Jugend und Musik», für den ich sieben Jahre gekämpft hatte, wieder aus der Politik in die Kultur zurück.

Gerade auch die Kultur leidet unter der Coronakrise. Macht Ihnen das Sorgen?

Ja, sehr. Es ist schlimm und für die Kulturschaffenden und die Organisationen eine riesige Herausforderung.

Wie haben Sie die Coronakrise bisher persönlich erlebt?

Das gemütliche Zusammensein mit Freunden fehlt mir sehr. Dafür sind Haus und Garten so richtig im Schwung.

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