Andreas Glarner: «Ich habe grösste Bedenken, dass das gut kommt, wenn die Ortsparteien ihren Weichspülerkurs beibehalten»

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Andreas Glarner in seinem Büro in Oberwil-Lieli. Severin Bigler / ©

Er ist schon von der Strasse her zu sehen gegenüber dem Volg in Oberwil-Lieli. Andreas Glarner sitzt in einem Glasbüro, von wo aus er Politik macht und seine Geschäfte tätigt. An der Wand hängt ein SVP-Plakat mit Mohrenkopf-Sujet. Bevor wir über Politik reden, erzählt Glarner, der Geschäftsmann, dass er vor wenigen Tagen eine neue Firma gegründet habe. Weinhandel. «Mein Hausarzt und ich haben zusammen diese Idee entwickelt», sagt er vergnügt und lässt durchblicken, dass er nicht auf Gedeih und Verderben darauf angewiesen ist. Er habe noch mehr Ideen für Startups, aber die seien noch nicht ganz reif.

Auf welche Tat als Parteipräsident sind Sie bisher besonders stolz?

Andreas Glarner: Dass wir die AKB gerettet haben.

«Gerettet» ist gut verkauft. Die SVP-Grossratsfraktion war drauf und dran, die Staatsgarantie abzuschaffen und die AKB zu privatisieren. Sie haben Ihre Parteikollegen davon abgehalten. Warum?

Wir hätten ohne Not eine Perle verschenkt. Die AKB ist die letzte grössere Aargauer Bank und eine, die kleinen Unternehmern auch in der Krise noch Kredite gibt.

Sie scheinen auch stolz, weil Sie sich parteiintern durchgesetzt haben.

Es war mein erster grosser Fight als Parteipräsident mit Fraktionschefin Désirée Stutz. Seither hat es keinen mehr gegeben.

Das kann man nun unterschiedlich interpretieren.

Eine Interpretation wäre: Es wurde klar, wer der Chef ist. (schmunzelt) Oder man könnte es so auslegen, dass wir uns inhaltlich gefunden haben. Letzteres ist natürlich der Fall.

Für noch mehr Aufsehen sorgten Sie letztes Jahr mit der Beleidigung von Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan am Rande der Klimademo vor dem Bundeshaus…

…das war keine Beleidigung! Es fing damit an, dass ein Klimachaot mitten in Bern den Verkehr regelte. Polizisten standen untätig daneben wie Halbschuhe. Ich habe den Chaoten zur Rede gestellt und gesagt, ich zeige ihn an, wenn er nicht aufhöre, Polizist zu spielen.

Sie regen sich auf, als wäre es gestern gewesen.

Es geht noch weiter: Der Chaot lief zu Arslan und sagte, der will mich verzeigen. Darauf schnauzte sie mich an und fand, das dürfe ich nicht, sonst verzeige sie mich auch.

Wenn Sie schon in die Details gehen: Der Kern war, dass Sie einer Nationalrätin, also einer Schweizerin, an den Kopf warfen, Recht und Ordnung gebe es in ihrem Staat halt nicht. Sie meinten die Türkei. Und Sie verhunzten ihren Namen.

Das war ein Versprecher. Zu allem anderen stehe ich. Ich war empört, dass eine Politikerin mit Rechtsbrechern sympathisiert.

Von aussen wirkte es eher wie: Glarner bleibt Glarner, er kann das Mausen beziehungsweise das Provozieren halt auch als Parteipräsident nicht lassen.

Ich suchte diesen Eklat nicht. Plötzlich waren die Kameras da. Was das Fernsehen daraus gemacht, ist unsäglich und einseitig. Es wurde für mich danach sehr grob. Ich habe innerhalb des Dorfes ja gezügelt und zum Glück meine neue Adresse nicht angegeben.

Eigentlich wollten wir über Ihre erste Bilanz als Parteipräsident reden. Sie haben bei Ihrer Wahl am Parteitag in Lupfig eine «Brandrede» gehalten, wie Sie es selbst nannten und die SVP Aargau als Sanierungsfall bezeichnet. Wie weit sind Sie schon mit Sanieren?

Das ist eine harte Büez. Corona macht es nicht einfacher, ohne das als Ausrede zu nehmen. Aber es ist extrem schwierig, wenn man keine Säle füllen und nicht mehr direkt bei den Leuten sein kann.

Was tun Sie stattdessen?

Ich mache viele Einzelgespräche. Gerade eben hatte ich ein Gespräch mit einer Ortspartei, die schlecht aufgestellt ist und auseinanderzufallen droht. Ich versuche auch die Sektionen in grösseren Gemeinden mit Einwohnerräten auf Kurs zu bringen. Wir haben Kommunalwahlen im Herbst.

Sie klingen nicht zuversichtlich?

Ich habe grösste Bedenken, dass das gut kommt, wenn Ortsparteien bei ihrem Weichspülerkurs bleiben.

Was müssen die SVP-Ortsparteien denn tun, damit sie bei den Kommunalwahlen reüssieren?

Hart arbeiten und unbequem sein. Es geht doch nicht, dass wir Ortsparteien haben, die Steuererhöhungen oder Einführung von Tempo-30 unkommentiert durchlassen.

Wo zum Beispiel?

Buchs ist so ein Pflaster. Die weigern sich ja sogar unsere Burkaplakate aufzuhängen.

Vielleicht beschäftigen die Basis in den Dörfern ja zur Zeit andere Themen als Burkas.

Welche denn?

Das müssten Sie als Parteipräsident sagen können.

Es sind immer die gleichen Sprüche aus Ortsparteien: Ein harter Kurs schade, man müsse braver sein. Aber das bringt uns nicht weiter. Da kann man gleich BDP wählen, wenn es die noch gäbe.

Nochmals, was muss die SVP konkret besser machen, um in den Gemeinden erfolgreich zu sein?

Die Budgets der Gemeinden auseinandernehmen. Wir müssen dafür schauen, dass den Steuerzahlern nicht zu viel Geld aus der Tasche gezogen wird. Wir werden nur gewählt, wenn die Wähler einen Nutzen sehen und merken, dass wir als Partei etwas für sie tun.

 

Wo soll der Staat sparen?

Die Bürokratie generell entrümpeln, alles weg, was nicht nötig ist. 20 Prozent der Verwaltung herunterfahren. Sofort. Corona hat den Aargau gegroundet. Uns brechen die Steuereinnahmen weg. Ich sehe das aber durchaus als Chance. Wir müssen den Regierungsrat zur Verzichtsplanung nötigen.

Auch auf Gemeindeebene?

Ja klar. Im Aargau kann man kommunal 100 Millionen Franken sparen, ohne dass das der Bürger merkt.

Sie wollen mit harter Sparpolitik punkten. Bei Ihren Slogans spielen Sie aber vor allem auf den Gegner mit Schlagworten wie«Sozialisten, Pseudo-Bürgerliche, Gutmenschen». Holt man damit Wähler?

Es braucht einerseits Knochenarbeit an der Basis, aber man muss gegen aussen auch Klartext reden. Gerade was die FDP macht, ist nicht mehr normal. Die wehrt etwas ab, nur weil eine Idee von uns kommt. Wir könnten den EU-Beitritt fordern, der würde abgelehnt, weil es von uns kommt.

Machen nicht Sie etwas falsch, wenn potenzielle Partner reflexartig abwehren, wenn etwas von Ihnen kommt?

Die anderen Bürgerlichen sind nach links abgedriftet. Das SVP-Programm ist immer noch wie vor 30 Jahren, wir sind nicht nach rechts gerutscht.

Täuscht der Eindruck, dass trotz regionaler Verantwortung Ihr Herzblut in der nationalen Politik ist, bei den grossen Themen?

Das ist nicht so. Die schönste Rolle bisher hatte ich als Gemeindeammann. Da konnte ich etwas direkt bewirken.

Wie kamen Sie dann auf die Idee, sich fürs Präsidium SVP Schweiz zu bewerben, kaum waren Sie Kantonalpräsident?

Es gab einfach ein Vakuum. Dann stellte ich mich zur Verfügung, falls niemand sich bewirbt, der es besser kann.

Sie wussten doch, dass Sie keine Chance hatten im bestimmenden Blocher-Lager. Sie liefen dort auf.

Ich erhielt tatsächlich keine Zeichen aus Herrliberg. Wahrscheinlich wäre ich mit meiner Art «too much» gewesen auch für Blocher. Jetzt stehen wir da, wo wir stehen, das ist auch gut so.

Sie haben Corona schon zweimal erwähnt. Sie sind daran erkrankt im Herbst. Spüren Sie es noch?

Ja die Müdigkeit ist noch vorhanden. Auch mit der Luft habe ich Probleme. Früher ruderte ich auf dem Hometrainer problemlos 15 Minuten am Stück. Jetzt muss ich nach 5 Minuten eine Pause einlegen. Dieser Käfer ist hartnäckig.

Hat Ihre Erkrankung Ihre Position in der Pandemiepolitik beeinflusst?

Nein. Erich Kästner hat mal gesagt: «Das Leben ist lebensgefährlich.» Wir müssen mit diesem Virus leben lernen. Wir werden in eine dritte, vierte, fünfte Welle hineinlaufen, wenn wir nichts ändern. Neben dem Impfen muss man auch die Grenzen dichter machen.

Das Virus kommt aber nicht nur in die Schweiz, sondern geht auch von hier in die Nachbarländer.

Das stimmt. Die Grenzschliessung verhindert Ansteckung in beide Richtungen. In der ersten Welle waren es ja auch die Deutschen, welche die Grenze zuerst geschlossen haben. Der Bundesrat hat Tausende Leben auf dem Gewissen, weil er die Grenzen im Tessin zu spät geschlossen hat im Frühjahr.

Kantone wie der Aargau sind auf Grenzgänger angewiesen. Vor allem im Gesundheitswesen.

Es kommen Ausländer, die vor allem auch Ausländer pflegen.

Sie wollen nicht ernsthaft im Spital unterscheiden, ob jemand einen Schweizer Pass hat oder sonst hier lebt und erkrankt ist?

Nein, nicht falsch verstehen. Aber wenn die Bevölkerung wegen Zuwanderung wächst, dann braucht es logischerweise auch mehr Pflegepersonal.

Sie bewirtschaften einfach das Ausländerthema, wo es nur geht. Sie wollten die Grenzen schon ohne Corona schliessen und sprachen mal von Stacheldraht an der Grenze.

(lacht) Da bekam ich ein aufgeregtes Telefon von Albert Rösti. Aber die Schlagzeile damals war völlig überspitzt. Ich habe das so nie gefordert.

Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati hat Ende Jahr die Notbremse gezogen, Läden und Beizen geschlossen. Als SVP-Präsident haben Sie das scharf kritisiert. Verstehen Sie Ihren Parteikollegen nicht?

Doch schon. Er hat es mir persönlich auch erklärt. Als Gesundheitsdirektor hat er eben eine andere Rolle. Allerdings kann mir immer noch niemand glaubhaft sagen, warum wir plötzlich weniger Intensiv-Betten haben als noch im Frühling.

Gallati sagt, es liegt nicht an den Betten, es fehle das geschulte Personal?

Dann soll man die Leute einfliegen. In Osteuropa gibt es genug qualifiziertes Personal.

Das braucht es jetzt ja auch dort in den Spitälern.

Aber wir bezahlen sie besser. Die Aufstockung in den Spitälern kommt uns jedenfalls viel günstiger als die Wirtschaft herunterfahren.

Politisieren Sie mit der strikten Ablehnung von Lockdown-Massnahmen nicht an Ihren älteren Wählern vorbei, die besonders gefährdet sind?

Es gibt schon ältere Leute, die uns sagen: «Bitte schiesst nicht gegen alle Massnahmen, ich will das überleben.» Aber die Mehrheit stützt unseren Kurs.

Zugespitzt formuliert: Sie opfern die älteren Wähler der Wirtschaft.

Nein, natürlich nicht. Aber auch die Senioren sind auf eine funktionierende Wirtschaft angewiesen, damit die Renten ausbezahlt werden können. Die Medizin ist bei Corona einfach giftiger als das Gift selber, das ist das Problem.

Ihr nächster wichtiger Polittermin ist die Abstimmung über das Burkaverbot im März. Ironischerweise ist gerade die ganze Schweiz mit Maske verhüllt. Kann das einen Einfluss aufs Abstimmungsverhalten haben?

Möglicherweise hilft das uns nicht gerade. Aber wir sind zuversichtlich.

Würden Sie bei einem Nein ein Burkaverbot im Aargau mit einer kantonale Initiative anstreben?

Ja, sofort.

Persönlich: Parteipräsident, Hardliner, Geschäftsmann

Andreas Glarner wurde am 15. Januar 2020 in Lupfig von den SVP-Delegierten zum neuen Kantonalpräsident gewählt. Er setzte sich gegen Grossrat Rolf Jäggi durch. Glarner ist zwar wegen seines Hardlinerkurses und seines Stils auch parteiintern nicht unumstritten. Die SVP-Basis traute nach den Verlusten bei den Nationalratswahlen 2019 aber Glarner eher zu, die Partei wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Bei den Grossratswahlen 2020 verlor die SVP zwar auch leicht, konnte den Schaden aber in Grenzen halten. Glarner ist seit 2015 Nationalrat, vorher war er Fraktionspräsident im Grossen Rat und langjähriger Gemeindeammann in Oberwil-Lieli. Beruflich ist Glarner Geschäftsinhaber der Omnitrade AG. Vor kurzen gründete er zudem die Vinotrade AG. Glarner ist 58-jährig und Vater zweier Töchter. (az)

Ihr Eintrag wird nach einer Überprüfung online gestellt.

Schlechte Sprüche

B. Hofer
schrieb am 01.02.2021 16:35
Dass A. Glarner nur fürs «Sprücheklopfen» gewählt wurde, sollte langsam dem letzten SVPlerInnen klar sein. Aber wie auch beim Glarner Schabzieger: Mit der Zeit ist er einfach nicht mehr geniessbar!
Oder gilt hier auch: «Chli stinke muess es?»

Herr Glarner

AP
schrieb am 01.02.2021 10:42
Immer nur grosse Sprüche klopfen, aber selber noch nichts auf die Reihe gebracht
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