«Aus jeder Schublade kam Dreck»: Vor einem Jahr kollabierte Wirecard – jetzt soll ein Bericht den Milliardenbetrug aufklären

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Erst gefeiert, dann tief gestürzt. Der Wirecard-Skandal erschüttert die deutsche Wirtschaft und Politik. Bild: Philipp Guelland / EPA

Es war der 18. Juni des vergangenen Jahres, als in den Räumlichkeiten der Wirecard AG nahe Münchens das Chaos ausbrach. Der Finanzdienstleister unter der Leitung des gebürtigen Wieners Markus Braun und seines Asienchefs Jan Marsalek musste in einer Ad-hoc-Mitteilung kurz vor 11 Uhr einräumen, dass die Bilanzen des so gefeierten Dax-Unternehmens nicht korrekt sind. Es gäbe Hinweise auf unrichtige «Saldenbestätigungen». Die Aktie des Konzerns brach ein. Am Abend gab sich Konzernchef Braun in einer Videobotschaft unwissend. Sein Unternehmen, das vor allem in den ersten Jahren seine Geschäfte mit der Zahlungsabwicklung für Porno-Seiten und Online-Glücksspiele machte, sei vermutlich Opfer eines Betrugs in gigantischem Ausmass geworden, sagte er sorgenvoll.

Am 18. Juni 2020 musste der Konzern einräumen, dass 1,9 Milliarden Euro - angeblich gelagert auf Bankkonten in Asien - in den Bilanzen fehlen, ein Viertel der gesamten Bilanzsumme. Wenige Tage später meldete das Unternehmen, das jährlich im zweistelligen Bereich wuchs und von der deutschen Politik gefeiert wurde, Insolvenz an. Anleger und Gläubiger waren mit einem Schlag mehr als 20 Milliarden Euro los. Es ist der grösste Wirtschaftsbetrug in der deutschen Geschichte.

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Ex-CEO Markus Braun wartet im Gefängnis auf seinen Prozess. Bild: Fabrizio Bensch/Keystone

Braun sitzt seit Juni 2020 in Augsburg in einer 9-Quadratmeter grossen Zelle in Untersuchungshaft, er wartet dort auf seinen Prozess. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und weiteren Managern bandenmässigen Betrug, Untreue und Marktmanipulation vor.

Vom ehemaligen Asien-Chef Jan Marsalek, auch er gebürtiger Wiener, fehlt bis heute jede Spur. Nach dem 41-Jährigen wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Experten vermuten, dass er sich heute in Russland aufhält und dank den durch den Betrug beiseite geschafften Millionen ein gutes Leben führt, manche glauben, Marsalek, dem Verbindungen in Geheimdienstkreise nachgesagt werden, sei von dubiosen Geschäftspartnern längst zum Schweigen gebracht worden.

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Von ihm fehlt nach wie vor jede Spur: Ex-Asienchef Jan Marsalek. Hier auf einem Fahndungsbild in Hamburg. Bild:Daniel Bockwoldt/Keystone

 

Braun streitet die Vorwürfe gegen ihn ab, seine Anwälte zeichnen von ihrem Mandaten das Bild eines rechtschaffenen Saubermanns, der von den kriminellen Betrügereien seines Partners Marsalek nichts gewusst hatte. Ehemalige Wirecard-Mitarbeiter glauben allerdings nicht an die Unschuld von Markus Braun.« Entweder ist er der dümmste CEO aller Zeiten, den nicht interessiert, wo 75 Prozent seines Umsatzes und ein Grossteil des Gewinns herkommt», sinniert ein Ex-Wirecard-Mitarbeiter im «Spiegel». «Oder er steckte knietief mit drin.»

Keine guten Noten für Kanzlerkandidat Scholz

Am Dienstag wird der Untersuchungsbericht des Bundestages zum Wirecard-Skandal präsentiert, am Freitag befasst sich das Parlament mit Dokument. In 32 Sitzungen hörten die Mitglieder des Untersuchungsausschusses 102 Zeugen an, auch Markus Braun und Kanzlerin Angela Merkel musste sich den Fragen in der Kommission stellen. Die Parlamentarier sammelten einen Datenbestand von 1,14 Terabyte über die Machenschaften bei Wirecard. «Aus jeder Schublade, die wir aufzogen, kam Dreck», stellte Linken-Finanzexperte Fabio De Masi ernüchtert fest.

Nicht nur die ehemalige Wirecard-Führung muss sich für mutmassliche Bilanzfälschungen verantworten, Konsequenzen drohen auch Wirtschaftsprüfern und Politikern. Unter Beschuss geraten ist unter anderem der amtierende Finanzminister Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD für die anstehenden Bundestagswahlen. Die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin, die trotz Warnungen aus Finanzkreisen vor Betrügereien bei Wirecard nicht gehandelt hatte und vielmehr ihre schützende Hand über den Dax-Konzern legte, ist dem Finanzministerium angegliedert.

Auch wenn Scholz von den Machenschaften bei Wirecard nichts mitbekommen hat, wie er beteuert, war er doch als Finanzminister zumindest politisch mitverantwortlich für die Schlampereien bei der Finanzmarktaufsicht. Schlechte Noten holen sich auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und selbst Kanzlerin Angela Merkel ab, die bei der chinesischen Staatsführung für einen Wirecard-Markteintritt in China geworben hatte.

Bei einer Verurteilung drohen Ex-Firmenchef Markus Braun mehrere Jahre Haft.

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