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Auch Überflieger sind am Lucerne Festival vor Turbulenzen nicht gefeit

Spannende Abende am Lucerne Festival: Mirga Gražinytė-Tyla und das Orchestre Philharmonique de Radio France im Vergleich mit dem Lucerne Festival Orchestra mit Yannick Nézet-Séguin.

Wenn Andrea Lötscher, die Frau des Intendanten Michael Haefliger, nicht im Saal ist, will es mit den Standing Ovations beim Lucerne Festival nie so richtig klappen. Selbst nach dem allseits beliebten «Boléro» kam die überall grassierende Ehrbekundung am Montagabend im KKL bloss partiell zustande.

Die allseits umschwärmte Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla wagte es allerdings, das Werk mehr faszinierend klangvoll als denn rhythmisch zugespitzt spielen zu lassen. Die einzelnen Bläser des Orchestre Philharmonique de Radio France leuchteten, ohne angeberisch zu glänzen. In Debussys «La Mer» schien bisweilen Ebbe zu herrschen, die Wellen jedenfalls waren nicht bedrohlich, sondern alles verlief im kanalisierten Rahmen. Zu bestaunen blieb aber der wundersam eigene Klang des Pariser Orchesters, dieses dumpfe Licht, diese schimmernden Farben.

Mirga Gražinytė-Tyla konnte mit dem Orchester aus Paris nicht vollständig überzeugen.
Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival<a href=“https://www.lucernefestival.ch/de/presse/fotos#press-photos-00002″></a>

Damals in der Studenten-WG nannten wir Edward Elgar den Schnulzen-Ely. Und seien wir ehrlich: Trotz trotzig strenger Interpretationen ist der süssliche Zug aus seinen Werken nicht herauszubringen. Und das muss auch nicht geschehen. Gražinytė-Tyla liess den Orchesterwogen ihre Freiheiten, und da war immer hörbar Platz für die Solistin, für Julia Hagen.

Vor einem Jahr als Preisträgerin, jetzt als grosse Solistin im KKL

Diese Cellistin erhielt vor einem Jahr im KKL den Crédit Suisse Artiste Award, jetzt war sie ganz ohne solcherlei Geschenke die Solistin, führte mit dem Radio-Orchester das Cellokonzert von Edvard Elgar auf. Hagens Ton ist immer eigen und spannend: Er lebt charaktervoll und überrascht somit dauernd, er wird auch gross, bleibt aber frei von Bluff. Und apropos Technik machen ihr auch nicht so viele Jungcellisten etwas vor.

Erneut war der Saal nicht ausverkauft, da und dort Lücken, die teilweise mit Musikern des Lucerne Festival Orchestra gefüllt wurden. Diese sassen dann am Mittwoch zum letzten Mal in diesem Sommer auf der Bühne. Und so durften denn andere Leute die noch am Dienstagmorgen auf dem Verkaufsplan klaffenden farbigen Lücken füllen.

Auf dem Podium stand Yannick Nézet-Séguin – 50-jährige Lichtgestalt im Klassikzirkus. Am 1. Januar 2026 erhält er gar die höchsten Weihen, dann dirigiert er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Dieses Orchester hatte der Kanadier, der in den USA zwei Spitzenpositionen besetzt, noch am Samstag und Sonntag in Salzburg geleitet, ehe er am Montag und Dienstag im KKL probte – und dort schliesslich am Dienstagabend vor dem Lucerne Festival Orchestra stand.

Der 31-jährige Südkoreaner Seong-Jin Cho spielte Beethovens 3. Klavierkonzert hinreissend.
Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival

Aber trotz dieser vermeintlich nicht gerade idealen Bedingungen wurde es ein grosser Abend. Schon wie der 31-jährige Südkoreaner Seong-Jin Cho Beethovens 3. Klavierkonzert spielte, war hinreissend. Durchaus modern war das, ohne falsche Romantizismen, ohne impressionistische Übertreibungskunstspielereien à la Lang Lang. Aber eben doch mit prächtigen Eigenheiten und ohne Angst vor kräftigen, in der ersten Kadenz gar donnernden Tönen. Seong-Jin Cho lässt den Flügel zwar auch glänzen, geniesst seine tausenderlei Möglichkeiten, aber er gerät dennoch nicht in allzu beethovenferne Gefilde.

Yannick Nézet-Séguin – 50-jährige Lichtgestalt im Klassikzirkus – versteht sich gut mit dem Lucerne Festival Orchestra.
Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival

Bei einem solch famosen Zugriff wollte das Lucerne Festival Orchestra nicht hintanstehen. Nach einem Beginn ohne Zaubermomente liess man sich von Seong-Jin Chos Spiel anstecken, streute noch und noch veilchenduftende Noten ins KKL-Rund. Und dann gings auf die Besteigung des Gipfels, an die 4. Sinfonie Bruckners. Das geschah im Unterschied zu den Konzerten der letzten Tage mit teils ausgetauschten Holz- und Blechbläsern, was aber gar nichts an der in den vorangegangenen Konzerten gehörten immensen Qualität änderte – im Gegenteil. Da war manch frischer Atem spürbar. Schade, konnten ihn nicht alle Veteranen aufnehmen.

Wie schön, ändern sich Interpretationsmoden rasch

Sehr erfrischend auch, dass Nézet-Séguin keine Bruckner-Messe feierte, sondern durchaus forsch einstieg, was ja noch vor einigen Jahren in Kritikerkreisen zu Aufruhr geführt hätte. Damals meinte alles, Bruckner müsste nach einer Aufführung sofort heiliggesprochen werden. Gut, gehen solche Zeiten rasch vorbei, schön, dürfen sich Interpretationsmoden ändern.

Und nebenbei: Mit den Standing Ovations klappte es am Dienstagabend wieder perfekt.