Streit um Impfpflicht am Arbeitsplatz: Ohne Zertifikat wird das Arbeitsleben kompliziert

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Ob beim Google-Sitz in Zürich künftig auch Impfpflicht gilt, ist noch unklar. Bild: Google

Google und Facebook machen ernst: Ihre Mitarbeitenden müssen sich vor der Rückkehr ins Büro impfen lassen. Das neue Konzernregime gilt vorerst für die USA, soll dann aber im Fall von Google auch auf andere Regionen ausgeweitet werden, wie Konzernchef Sundar Pichai festhält. «Ob und wie die Regelung auch in der Schweiz gelten wird, steht aktuell noch nicht fest», heisst es bei hiesigen Ableger des Techkonzerns.

Doch eines steht schon heute fest: Eine generelle Impfpflicht für die ganze Belegschaft eines Betriebes ist hierzulande nicht zulässig, wie es Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) heisst. Arbeitgeber können eine Impfung nur im Einzelfall diktieren, und das auch nur wenn trotz allen ergriffenen Schutzmassnahmen eine «konkrete verhältnismässig hohe Gefährdung vorliegt» - für den nicht geimpften Mitarbeiter selbst aber auch für Dritte, etwa für Arbeitskolleginnen, Kunden oder Patientinnen. Das trifft für die luftige Büro-Arbeitsplatzwelt von Google definitiv nicht zu.

In der Schweiz dürfen Firmen ihre Angestellten nicht fragen, ob sie geimpft sind

Abstandsregime, Trennwändchen, Desinfektionsmittel, Maskenpflicht: Das Arsenal an Schutzmassnahmen, welche die Arbeitgeber im Büro zur Einhaltung ihrer Fürsorgepflicht gegenüber Arbeitnehmenden ergreifen können, ist breit. Die Möglichkeit die Mitarbeitende nach einem Covid-Zertifikat zu fragen, geschweige denn, dieses als obligatorisch zu erklären, ist in der Schweiz nicht erlaubt. Der Bundesrat hat den Arbeitsplatz explizit in den «grünen Bereich» eingeteilt, also in jenen «Bereich des alltäglichen Lebens», wo der Einsatz des Zertifikats nicht vorgesehen ist.

Roche-CEO Severin Schwan

Roche-CEO Severin Schwan

Bild: Sandra Ardizzone

Ganz zum Ärger der Wirtschaft: «In den USA dürfen wir die Mitarbeiter fragen, ob sie geimpft sind, in der Schweiz nicht», beklagte sich jüngst Roche-Chef Severin Schwan. «Ich würde es begrüssen, wenn wir wüssten, wer geimpft ist. Denn dadurch könnten wir den Geimpften erlauben, ohne Auflagen wie eine Maskenpflicht ins Büro zurückzukehren.» Damit spricht er nicht wenigen, auch kleineren Unternehmen aus dem Herzen. Sie möchten mehr Freiheiten für ihre Angestellten, weniger Auflagen und mehr Planungssicherheit.

Der Arbeitsplatz soll mit Bars und Kinos gleichgestellt werden

Der Arbeitgeberverband macht Druck – und fordert, dass «die Diskussion um die Hochstufung des Arbeitsplatzes in den ‹orangen Bereich› jetzt geführt wird». Damit würde der Arbeitsplatz in dieselbe Kategorie kommen wie etwa Bars, Restaurants, Kinos oder Schwimmbäder. Denn hier kann das Zertifikat eingesetzt werden, um Kapazitätsbeschränkungen zu verhindern oder um von Auflagen wie der Maskenpflicht befreit zu werden. Dazu müsste aber der Artikel 25 der Covid-Verordnung, der die Präventionsmassnahmen am Arbeitsplatz regelt, entsprechend ergänzt werden.

Covid-Zeritifikate könnten die Maskenpflicht am Arbeitsplatz aufheben.

Covid-Zeritifikate könnten die Maskenpflicht am Arbeitsplatz aufheben.

Christian Beutler / KEYSTONE

Arbeitgeber dürfen hingegen heute schon bei den Schutzmassnahmen differenzieren: So können sie etwa Mitarbeitende von bestimmten Auflagen befreien, wenn diese sich freiwillig als geimpft, genesen oder getestet ausweisen. «Die betriebliche Praxis zeigt, dass dies Arbeitnehmer zunehmend von sich aus tun, um zum Beispiel auf das Maskentragen verzichten zu können», sagt Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt.

Auch Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter schlägt vor, dass Firmen ihre Angestellten dazu motivieren sollen, freiwillig offenzulegen, ob sie geimpft sind, um die Risikogruppe besser schützen zu können. Wer es nicht tut, wird behandelt wie Ungeimpfte.

Spieler der Super- und Challenge-League müssen neu ein Zertifikat vorlegen

Die arbeitsweltliche Realität ist komplexer und vielschichtiger als die juristischen Paragrafen. In vielen Firmen wissen Teams voneinander, wer geimpft ist und wer nicht, waren doch die schwierige Impfterminsuche und die Nebenwirkungen Dauerthema in den Kaffeepausen. Mobbingvorfälle gegen Ungeimpfte werden rapportiert, Gewerbebetriebe berichten von Kunden, die nur noch geimpfte Handwerker im Haus wollen. Und wiederum andere, wissen gar nicht mehr, wie es weitergehen soll ohne Zertifikatspflicht.

YB ist der bisher einzige Schweizer Club bei dem Spieler und Staff komplett geimpft sind.

YB ist der bisher einzige Schweizer Club bei dem Spieler und Staff komplett geimpft sind.

Bild: Anthony Anex / KEYSTONE

Etwa im Fussball: So schreibt die Swiss Football League (SFL) neu vor, dass ab dem 4. August nicht nur die Zuschauer und Zuschauerinnen, sondern auch die Spieler, Trainer sowie der gesamte Staff der Super- und Challenge-League-Clubs über ein gültiges Covid-Zertifikat verfügen müssen. Und zwar durchgehend. Das heisst konkret: «Die nicht geimpften oder genesenen Spieler und Trainer müssen sich alle zwei Tage neu testen lassen», sagt SFL-Sprecher David Barras.

Ein Riesenaufwand für Clubs mit tiefen Impfquoten. Ein Problem, das der BSC Young Boys nicht hat: «Wir sind meines Wissens bisher der einzige Club der Super und Challenge League bei dem alle Spieler und der gesamte Staff geimpft sind», sagt YB-Sprecher Albert Staudenmann. «Wir sind sehr froh darüber und auch stolz.» YB habe keinen Druck ausgeübt, aber eine Impfung empfohlen und an die Solidarität aller appelliert. Auch mit dem Club. Zudem wurden für interessierte Spieler auch persönliche Aufklärungsgespräche mit einem Arzt organisiert.

Ohne Zertifikat kein gesichertes Opern-Programm

Auch in der Kultur mehren sich die Stimmen, die mit dem heutigen arbeitsrechtlichen Covid-Regime nicht zufrieden sind. «Ohne Impfpflicht für Orchester und Chor wird es sehr problematisch bis unmöglich, grosse Oper aufzuführen», sagt Aviel Cahn, Operndirektor in Genf. Halb ists Drohung, noch mehr aber ist es ein Bitten und Ermahnen. Eröffnen will Genf am 13. September mit Prokofjews «Krieg und Frieden». Falls aber der schlechteste Fall eintritt, wird man erneut ein Ersatzprogramm bieten müssen.

Musiker von Chor und Orchester proben eine Oper (Archivbild)

Musiker von Chor und Orchester proben eine Oper (Archivbild)

Bild: Ennio Leanza / KEYSTONE

Die Erfahrungen vom Herbst 2020 und den Folgemonaten sind nicht vergessen. Covid-Ansteckungen machten das erlaubte Opernaufführen vor wenigen Zuschauern Grand Théâtre in Genf oft unmöglich, Vorstellungen mussten abgesagt werden. Bei einer Opernproduktion liess man das Orchester traurigerweise ab Tonband spielen. Zürich hatte hingegen sein Orchester bekanntlich seit Herbst 2020 für Opernaufführungen nicht mehr im Haus, liess es im Proberaum spielen und den Klang via Glasfaser ins Opernhaus übertragen. Sowohl die Tonband- als auch die Live-Übertragung versprechen keinen Genuss.

Ob beim Grosskonzern, dem Familienbetrieb, im Sport, der Kultur oder im Spital: Das Arbeitsleben aller wird in naher Zukunft ohne Zertifikat komplizierter werden. «Die Realität wird die Theorie überholen», sagt deshalb auch Arbeitgeber-Präsident Vogt.

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